Wirtschaft · Preise und Zinsen
Teure Energie schürt neue Zinssorgen
Steigende Energiepreise treiben die Inflationssorgen in Deutschland und der Eurozone wieder an. Zugleich haben höhere Renditen am Anleihemarkt die Finanzierungskosten erhöht. EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnte bei der Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank in Bangkok, die strengeren Finanzierungsbedingungen könnten das Wachstum schwächen. Energie und Lebensmittel stehen dabei besonders im Blick, weil teurer Sprit, Heizöl und Gas rasch in viele Alltagskosten durchschlagen.
Sprit, Heizöl und Gas legen zu
Für Verbraucherinnen und Verbraucher ist der Preisdruck vor allem an Tankstellen und bei Heizkosten sichtbar. Superbenzin kostet binnen eines Jahres rund 30 Prozent mehr, Diesel etwa 45 Prozent mehr. Trotz Tankrabatt bleibt Kraftstoff in Deutschland im europäischen Vergleich teuer, auch wegen Steuern und Abgaben. Die Freigabe strategischer Reserven kann nach Einschätzung von Fachleuten nur begrenzt und zeitweise entlasten.
Auch Heizöl hat sich stark verteuert. Der Preis liegt im Jahresvergleich um rund 80 Prozent höher. Für 3.000 Liter werden derzeit etwa 5.000 Euro fällig. Viele Haushalte bestellen deshalb kleinere Mengen oder warten mit dem Auffüllen ihrer Tanks. Händler warnen, dass es bei Kälteeinbrüchen zu Verzögerungen kommen kann, wenn viele Bestellungen gleichzeitig eingehen.
Bei Gas ist der Druck ebenfalls hoch. Der Großhandelspreis ist innerhalb eines Jahres um fast 128 Prozent gestiegen, die Endkundenpreise liegen rund 40 Prozent höher. Hinzu kommt die Sorge um die Versorgung im Winter: Die deutschen Gasspeicher waren Anfang Oktober ungewöhnlich niedrig gefüllt. Für energieintensive Betriebe können solche Preise zu einem Wettbewerbsnachteil werden, besonders wenn sie kurzfristig zu aktuellen Marktpreisen einkaufen müssen.
Höhere Transportkosten erreichen die Regale
Teure Energie belastet nicht nur Haushalte, sondern auch Unternehmen. Besonders betroffen sind Speditionen, Busbetriebe, Taxiunternehmen und andere Branchen mit hohem Kraftstoffverbrauch. Ein Speditionsunternehmer aus der Nähe von Schweinfurt bezifferte seine zusätzlichen Spritkosten im Vergleich zu 2020 auf eine Million Euro pro Jahr. Wenn solche Kosten an Auftraggeber weitergereicht werden, steigen am Ende auch die Preise im Handel.
Das betrifft insbesondere Lebensmittel, weil sie häufig gekühlt, gelagert und über längere Strecken transportiert werden. Höhere Dieselpreise verteuern Lieferketten und können sich so in Supermarktpreisen niederschlagen. Im September lagen die Energiepreise insgesamt 14,9 Prozent über dem Vorjahresmonat. Die Inflationsrate erreichte dadurch 3,3 Prozent.
Die Bundesregierung will Verbraucherinnen, Verbraucher und besonders betroffene Branchen weiter entlasten. Der derzeitige Tankrabatt läuft bis Jahresende. Verkehrsminister Steffen Bilger hält danach gezielte Hilfen für stark belastete Gewerbe für möglich, darunter Busunternehmen, Taxiunternehmen und Fuhrbetriebe. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche sprach sich für Direktzahlungen über einen Mechanismus beim Bundesamt für Steuern aus. Zudem brachte sie Änderungen am EU-Recht ins Spiel, um eine niedrigere Mehrwertsteuer auf Benzin und Diesel zu ermöglichen.
Märkte rechnen mit strafferer Geldpolitik
Parallel zu den Energiepreisen sorgen steigende Zinsen an den Anleihemärkten für zusätzliche Unsicherheit. Wenn Staatsanleihen höhere Renditen abwerfen, verteuern sich häufig auch Kredite für Staaten, Unternehmen und private Haushalte. Lagarde sagte, die langfristigen Zinsen seien seit der jüngsten Sitzung der Europäischen Zentralbank deutlich gestiegen. Das verschärfe die Finanzierungsbedingungen und könne Investitionen bremsen.
Als Gründe für den Zinsanstieg gelten Inflationssorgen, Zweifel an der Tragfähigkeit hoher Staatsschulden und ein großer Kapitalbedarf für Investitionen in Künstliche Intelligenz. Die EZB hat ihre Leitzinsen in den vergangenen vier Monaten zweimal erhöht. Für Dezember wird eine weitere Anhebung auf 2,75 Prozent erwartet. Ab diesem Niveau gilt die Geldpolitik als restriktiv, weil sie die wirtschaftliche Aktivität dämpft.
Bundesbank-Präsident Joachim Nagel deutete an, dass weitere Schritte nötig werden könnten. Der Kampf gegen die Inflation sei nicht abgeschlossen. Finnlands Notenbankchef Olli Rehn mahnte Wachsamkeit gegenüber Zweitrundeneffekten an. Damit sind steigende Lohnforderungen gemeint, die aus höheren Energiepreisen entstehen und die Inflation länger hoch halten können. Konkrete Hinweise darauf sieht er bislang nicht.
Preisdeckel bleibt umstritten
Ab Januar ist ein Spritpreisdeckel geplant. Ökonomen warnen jedoch vor Nebenwirkungen. Ein staatlich begrenzter Preis könne die Nachfrage erhöhen und zugleich das Angebot verringern. Dadurch drohten Engpässe. Reiche steht einem solchen Deckel trotz des Koalitionsbeschlusses skeptisch gegenüber und will Ende Oktober mit Mineralölbranche, Gewerkschaften und Ländern beraten.
Die Lage ist für die Geldpolitik schwierig. Höhere Energiepreise treiben die Teuerung, höhere Marktzinsen bremsen zugleich Wachstum und Kreditvergabe. Für Haushalte bedeutet das: Mobilität, Heizen und Lebensmittel bleiben zentrale Kostenrisiken. Für Unternehmen entscheidet sich in den kommenden Monaten, wie stark sie höhere Energie- und Finanzierungskosten weitergeben können.