Wirtschaft · Finanzmärkte
IWF warnt vor Risiken durch KI-Boom und Schulden
Der Internationale Währungsfonds warnt vor zunehmenden Risiken an den Finanzmärkten. Vor allem der stark fremdfinanzierte Ausbau von Künstlicher Intelligenz und die hohen Staatsschulden könnten sich gegenseitig verstärken. Der IWF stellte seinen Bericht zur globalen Finanzstabilität am Dienstag am Rand der Jahrestagung von IWF und Weltbank in Bangkok vor. Das Handelsblatt berichtete über die Analyse.
KI-Ausbau wird stärker über Schulden finanziert
Die Finanzmärkte zeigen sich nach Einschätzung des IWF derzeit noch widerstandsfähig. Als Gründe gelten solide Konjunkturdaten und hohe Gewinne vieler Unternehmen. Diese Lage sei aber kein Garant für Sicherheit, machte Athanasios Vamvakidis, Vizedirektor der IWF-Abteilung für Geld- und Kapitalmärkte, bei der Vorstellung des Berichts deutlich.
Besonders aufmerksam blickt der Fonds auf den Ausbau der KI-Infrastruktur. Viele Unternehmen investieren hohe Summen in Rechenzentren, Cloud-Kapazitäten und Chips. Dahinter steht die Erwartung, dass KI die Produktivität steigert und dadurch zusätzliche Gewinne ermöglicht. Sollte diese Erwartung enttäuscht werden, könnten die Bewertungen von Technologieunternehmen unter Druck geraten.
Nach Angaben des IWF nehmen große Technologiekonzerne dafür inzwischen deutlich mehr Kapital am Anleihemarkt auf. In diesem Jahr entfällt dem Bericht zufolge fast ein Zehntel aller weltweit neu ausgegebenen Unternehmensanleihen mit guter Bonität auf Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Oracle. Im Jahr 2024 lag dieser Anteil noch bei 0,5 Prozent. Zugleich haben sich die Zinskosten dieser Konzerne im zweiten Quartal im Jahresvergleich auf zusammen fast sechs Milliarden Dollar mehr als verdoppelt.
Enge Verflechtungen erhöhen die Gefahr
Der IWF verweist zudem auf komplexe Geschäftsbeziehungen innerhalb des KI-Sektors. Ausgewertet wurden 14 solcher Deals seit 2023. Sie umfassen demnach Kapitalzuflüsse von rund 300 Milliarden Dollar sowie Schulden von 650 Milliarden Dollar. Im Gegenzug verpflichteten sich Empfänger zu künftigen Käufen von Cloud-Diensten oder Chips im Umfang von 1,4 Billionen Dollar.
Diese Zusagen konzentrieren sich laut IWF auf wenige Unternehmen. Gerät eine zentrale Firma in Schwierigkeiten, könnten mehrere Risiken gleichzeitig auftreten: Beteiligungen verlieren an Wert, Kredite werden schwerer tragbar und zugesagte Umsätze bleiben aus. IWF-Ökonom Jason Wu sprach in diesem Zusammenhang von einem „dreifachen Schlag“, wie das Handelsblatt berichtet.
Staatsanleihen geraten ebenfalls unter Druck
Parallel steigen die Renditen von Staatsanleihen. Als Gründe nennt der IWF unter anderem Inflationssorgen infolge höherer Energiepreise sowie anhaltende Bedenken wegen großer Haushaltsdefizite. Die Prämien für langfristige Anleihen liegen in Industriestaaten demnach am oberen Rand ihrer historischen Spanne.
Der Fonds sieht auch eine Verbindung zum KI-Boom. Große Technologiekonzerne werben mit ihren Anleiheemissionen um Kapital, das auch Staaten zur Finanzierung brauchen. Wenn Investoren höhere Renditen verlangen, kann das die Finanzierungskosten öffentlicher Haushalte weiter erhöhen. Gleichzeitig machen steigende Anleiherenditen Aktienbewertungen anfälliger, insbesondere bei wachstumsstarken Technologiewerten.
In einem Stresstest untersuchte der IWF 665 Banken aus 29 Ländern. Das Szenario unterstellt Zweifel am Produktivitätsschub durch KI, deutliche Kursverluste bei Technologiewerten, einen allgemeinen Aktienrückgang um mehr als ein Viertel über drei Jahre, einen Anstieg langfristiger Anleiherenditen um drei Prozentpunkte sowie stark steigende Öl- und Rohstoffpreise.
Banken bleiben insgesamt stabil
Nach Einschätzung des IWF wäre das Bankensystem in diesem Szenario insgesamt weiter ausreichend kapitalisiert. Dennoch würden Institute mit 22 Prozent der weltweiten Bilanzsumme unter eine harte Kernkapitalquote von sieben Prozent fallen. Im vorherigen Stresstest lag dieser Anteil bei 18 Prozent. Banken mit sieben Prozent der weltweiten Bilanzsumme würden sogar die Mindestquote von 4,5 Prozent unterschreiten und bräuchten zusammen 68 Milliarden Dollar zusätzliches Kapital.
Besonders betroffen wären laut IWF Banken in Asien, da die Region stark von Energieimporten abhängig ist. Danach folgen europäische Institute. Als weitere Gefahr nennt der Fonds Cyberangriffe. In mehr als 70 Prozent der gemeldeten Fälle blieb Softwareanbietern in diesem Jahr praktisch keine Zeit, Sicherheitslücken zu schließen, bevor Angreifer sie ausnutzten. 2021 betrug dieser Zeitraum laut IWF noch meist fast 300 Tage.