Wirtschaft · Energiemärkte
G7 setzen Ölreserven gegen hohe Spritpreise ein
Die sieben großen westlichen Industriestaaten greifen angesichts hoher Kraftstoffpreise auf strategische Vorräte zurück. Bis zu 100 Millionen Barrel Diesel und Rohöl sollen über die Internationale Energieagentur IEA koordiniert auf den Markt kommen. Die Freigabe soll sofort beginnen und sich über vier Monate erstrecken. Zugleich bekräftigten die G7, untereinander keine Ausfuhrhürden für Energie und Energieträger zu errichten.
Vorräte sollen Märkte beruhigen
An der Entscheidung beteiligt sind Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada und die USA. Vor dem Beschluss hatten sich die Staats- und Regierungschefs in einer Videoschalte beraten. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz nahm daran teil. Frankreich führt derzeit den Vorsitz der G7.
Die freizugebende Menge entspricht ungefähr dem weltweiten Tagesbedarf an Rohöl, den die IEA ansetzt. Die Maßnahme knüpft an eine frühere Vereinbarung vom März an, die als Reaktion auf die Preisentwicklung nach dem Iran-Krieg beschlossen worden war. Damals ging es um eine Freigabe von insgesamt 400 Millionen Barrel aus strategischen Reserven, eine Rekordmenge in der Geschichte der Energieagentur.
Nach Angaben des Tagesspiegels ist zusätzlich vorgesehen, dass Diesel in den ersten 20 Tagen besonders früh und in erheblichem Umfang bereitgestellt wird. Außerdem wollen die G7 und ihre Partner im IEA-Rahmen weitere mögliche Diesel-Freigaben beraten. Die Staaten wollen auch Raffinerie-Wartungen besser abstimmen, damit Engpässe nicht zusätzlich verschärft werden.
Druck aus Washington
Der Beschluss folgt auf massiven Druck der US-Regierung. Washington hatte von Europa verlangt, zusätzliche Dieselmengen rasch verfügbar zu machen. Zugleich stand ein möglicher Stopp amerikanischer Dieselausfuhren im Raum, der auch europäische Abnehmer getroffen hätte. US-Präsident Donald Trump hatte sich zuvor öffentlich für eine solche Prüfung ausgesprochen.
Für die USA sind hohe Dieselpreise politisch besonders heikel. Diesel wird dort in großem Umfang in Lastwagen, Traktoren und anderen Nutzfahrzeugen eingesetzt. Deutschlandfunk verwies in seiner Berichterstattung auf den Zusammenhang mit den bevorstehenden Zwischenwahlen im November. Beobachter sehen demnach auch innenpolitische Gründe für den amerikanischen Druck.
In der gemeinsamen Linie der G7 ist nun festgehalten, dass Energieexporte innerhalb der Gruppe nicht eingeschränkt werden sollen. Damit verpflichten sich auch die Vereinigten Staaten auf einen Verzicht auf entsprechende Schritte. Die Bundesregierung wertet den Beschluss als Signal der Geschlossenheit. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche betonte, die Freigabe gefährde die Versorgung nicht.
Ölpreise reagieren
Die Finanzmärkte reagierten bereits auf die Ankündigung. Tagesschau.de berichtete, dass der Preis für US-Öl zeitweise um bis zu fünf Prozent nachgab. Auch die europäische Referenzsorte Brent fiel vorübergehend wieder unter die Marke von 100 Dollar je Barrel.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen begrüßte den Beschluss. Die Welt zitierte sie mit der Aussage, die Menschen in Europa bräuchten „bezahlbare Energie“. Brüssel unterstützt die von der IEA koordinierte Freigabe der Reserven.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärte zudem, die G7 wollten ihre Schritte weiter abstimmen, um Öllieferungen durch die Straße von Hormus zu sichern. Die Meerenge ist für den internationalen Öltransport von zentraler Bedeutung. Die Gruppe rief Produzenten zugleich dazu auf, keine Maßnahmen zu ergreifen, die die Lage auf den Energiemärkten zusätzlich anspannen könnten.
Reserven für Krisenfälle
Strategische Ölreserven sind für Notlagen vorgesehen. Die 32 Mitgliedstaaten der IEA halten solche Vorräte, um bei schweren Störungen reagieren zu können. Seit der Gründung der Organisation 1974 wurden koordinierte Freigaben nur in wenigen Krisen beschlossen, darunter vor dem zweiten Golfkrieg, nach den Hurrikans Katrina und Rita, während des Bürgerkriegs in Libyen sowie zweimal nach dem russischen Angriff auf die Ukraine.
Die aktuelle Entscheidung zeigt, wie stark Energiepreise weiterhin von geopolitischen Spannungen abhängen. Die G7 versuchen, mit zusätzlichen Mengen Vertrauen in die Versorgung zu schaffen und Preisspitzen zu begrenzen. Zugleich halten sie weitere Reserven zurück, um bei neuen Verwerfungen handlungsfähig zu bleiben.