Wirtschaft · Energiemärkte
G7 geben Ölreserven frei, Streit über Spritpreise wächst
Die G7-Staaten reagieren auf hohe Energiepreise und geben über vier Monate bis zu 100 Millionen Barrel Rohöl und Diesel aus strategischen Beständen frei. Der Schritt soll die Märkte beruhigen, nachdem Öl wegen des Kriegs im Nahen Osten deutlich teurer geworden ist. Zugleich wächst der Streit darüber, ob Verbraucherinnen und Verbraucher an den Tankstellen mehr als kurzfristig profitieren.
G7 setzen auf zusätzliche Mengen
Die Freigabe erfolgt koordiniert mit der Internationalen Energieagentur. Die Menge entspricht ungefähr dem globalen Tagesbedarf an Rohöl, den die Agentur ansetzt. Damit wollen die führenden Industriestaaten zeigen, dass trotz der angespannten Lage keine unmittelbare Knappheit droht.
Auslöser der Preisentwicklung ist vor allem der Konflikt zwischen den USA und Iran. In der Straße von Hormus, einer zentralen Route für den Energiehandel, wurden zuletzt Tanker angegriffen. Zugleich wächst die Sorge, dass Lieferungen aus der Region weiter gestört werden könnten. Brent-Rohöl hat sich seit Jahresbeginn um mehr als 60 Prozent verteuert und die Marke von 100 US-Dollar je Barrel überschritten.
Deutschland verkauft freigegebene Mengen aus seiner Reserve zu Marktpreisen. Die Bestände dienen eigentlich dazu, Lieferausfälle zu überbrücken. Parallel läuft in Deutschland weiterhin der Tankrabatt bis zum Jahresende, der hohe Preise an den Zapfsäulen abfedern soll.
Kritik an Wirkung und Timing
Die politische Bewertung fällt gegensätzlich aus. Wie tagesschau.de berichtete, begrüßte US-Präsident Donald Trump den Beschluss als „wirklich großartige Sache“. Zuvor hatte er einen Stopp von Dieselexporten aus den USA ins Gespräch gebracht. Nach der Einigung sagte Trump, ein solcher Schritt sei „nie wirklich auf dem Tisch“ gewesen.
Bei den Grünen stößt der Beschluss auf scharfen Widerspruch. Der Energiepolitiker Michael Kellner nannte die Freigabe gegenüber AFP eine „politische Dummheit“. Er kritisierte, strategische Reserven seien für echte Krisen vorgesehen und nicht für innenpolitischen Druck in den USA.
ZDFheute verweist auf Einschätzungen aus Brüssel, wonach die Vereinigten Staaten erheblichen Druck ausgeübt hätten. Einige europäische Staaten, darunter Deutschland, seien zunächst skeptisch gewesen, weil sie weitere Eingriffe in den Markt vermeiden wollten. Entscheidend war demnach am Ende, dass die Aktion abgestimmt und unter Einbindung der Internationalen Energieagentur erfolgt.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hält den Schritt für vertretbar. Sie betonte, dass die deutsche Versorgung nicht gefährdet sei. Es bleibe genug Reserve im System, um die Energieversorgung abzusichern.
Erste Preissignale an den Märkten
An den Ölmärkten zeigte sich nach der Einigung zunächst eine Reaktion. Die von Tagesspiegel veröffentlichte dpa-Auswertung meldete für Brent zur Dezember-Lieferung einen Rückgang um mehr als drei Prozent auf 98,72 US-Dollar je Barrel. Ein größeres erwartetes Angebot kann die Preise kurzfristig drücken.
Auch an Tankstellen gab es erste leichte Entspannung. Die Vergleichs-App Tankerkönig registrierte am Samstag bundesweit niedrigere Durchschnittspreise. Super E10 verbilligte sich um etwas mehr als zwei Cent je Liter, Diesel um rund vier Cent.
Fachleute rechnen jedoch nicht mit einer dauerhaften Lösung durch den Griff in die Reserven. Die Ökonomin Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft verglich die Maßnahme gegenüber dpa mit einem Pflaster: Sie könne für eine begrenzte Zeit lindern, ändere aber nichts an der Ursache. Entscheidend für stabilere Preise wäre demnach vor allem eine Normalisierung der Lage an der Straße von Hormus.
Deutschlands Vorräte bleiben groß
Deutschland hält strategische Ölbestände für schwere Störungen der Versorgung. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums könnten sie einen kompletten Ausfall aller Importe für drei Monate ausgleichen. Gelagert werden Rohöl sowie fertige Produkte wie Diesel, Benzin, Heizöl und Flugturbinenkraftstoff.
Zuständig ist der Erdölbevorratungsverband. Die Vorräte liegen verteilt im Bundesgebiet. Finanziert wird das System über Pflichtbeiträge der Mineralölwirtschaft; eine Freigabe erfolgt per Rechtsverordnung des Bundeswirtschaftsministeriums.
Deutschland bezieht nur einen kleineren Teil seines Rohöls aus dem Nahen Osten. Für 2025 lag dieser Anteil bei 6,1 Prozent. Wichtigste Lieferländer waren Norwegen mit 16,6 Prozent, die USA mit 16,4 Prozent und Libyen mit 13,8 Prozent. Die aktuelle Krise wirkt trotzdem auf deutsche Preise, weil Öl weltweit gehandelt wird und Erwartungen an knappe Mengen rasch in die Notierungen eingehen.