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Wirtschaft · Industrie unter Druck

Covestro kürzt Produktion in Antwerpen

Covestro will in Belgien die Fertigung von Standard-Polycarbonat stark reduzieren. 260 Stellen sind betroffen, während Europas Chemiebranche weiter unter Druck steht.

Presseonline-Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Symbolbild: Eine Chemieanlage steht für den Druck auf energieintensive Industrien in Europa.
Symbolbild: Eine Chemieanlage steht für den Druck auf energieintensive Industrien in Europa. KI-generiert

Covestro plant einen deutlichen Einschnitt am Standort Antwerpen. Die Produktion von Standard-Polycarbonat soll dort von vier Linien auf eine Linie sinken, 260 Arbeitsplätze sind betroffen. Wie das Handelsblatt berichtet, begründet der Leverkusener Konzern den Schritt mit schwacher Nachfrage in Europa, anhaltendem Preisdruck und harter Konkurrenz aus Asien. Der Umbau trifft ein Material, das unter anderem in Autoscheinwerfern, Laptopgehäusen, großen Flaschen und im Bausektor verwendet wird.

Antwerpen verliert Kapazitäten

Covestro zählt weltweit zu den führenden Anbietern von Polycarbonat. In Europa betreibt der Konzern zwei große Anlagen für diesen Kunststoff. Neben Antwerpen gehört dazu der Standort Krefeld-Uerdingen in Nordrhein-Westfalen. Dort soll die Produktion unverändert weiterlaufen. Der dort hergestellte Kunststoff wird für anspruchsvollere Anwendungen weiterverarbeitet, etwa in der Medizintechnik.

In Antwerpen will Covestro die Standardproduktion dagegen weitgehend zurücknehmen. Der Standort bleibt aber nicht ohne Perspektive: Bei Polyurethan, dem zweiten großen Produktbereich des Konzerns, ist eine Investition geplant. Polyurethane werden etwa für Schaumstoffe in Autositzen, Möbeln sowie zur Dämmung von Gebäuden und Kühlgeräten eingesetzt. Insgesamt arbeiten in Antwerpen 970 Menschen.

Die angekündigten Einschnitte sind zunächst ein geplanter Schritt. In Belgien müssen Unternehmen vor endgültigen Entscheidungen Gespräche mit Arbeitnehmervertretungen führen. Dabei können auch andere Maßnahmen zur Kostensenkung Thema werden.

Druck durch schwache Nachfrage

Covestro verweist auf weltweite Überkapazitäten bei Standard-Polycarbonaten. Seit 2022 schreibt der Konzern in Antwerpen demnach zunehmend Verluste, weil die Anlagen nicht genügend ausgelastet sind. Außerhalb Europas verfügt Covestro über größere Polycarbonat-Werke in China, Thailand und den USA.

Die Lage steht beispielhaft für Probleme der europäischen Grundstoffindustrie. Viele Geschäfte mit Basischemikalien benötigen viel Energie und leiden unter hohen Kosten. Hinzu kommt ein globaler Wettbewerb, in dem neue asiatische Kapazitäten die Preise drücken. Besonders Anbieter aus China sind in Europa mit steigenden Liefermengen präsent. Heimische Produzenten kritisieren dabei Subventionen und Preise, die sie als verzerrend ansehen.

Covestro-Chef Markus Steilemann ordnet die Entwicklung als tiefgreifenden Wandel ein. Dem Handelsblatt zufolge sagte er, die europäische Chemie stehe an einem „Scheideweg“. Das Unternehmen müsse sein Portfolio dort anpassen, wo es langfristig konkurrenzfähig bleiben könne.

Chemiebranche baut weiter um

Covestro ist nicht der einzige Konzern, der in Europa Kapazitäten reduziert. In Deutschland haben mehrere Chemieunternehmen in den vergangenen Jahren Anlagen geschlossen oder gedrosselt. Genannt werden unter anderem BASF in Ludwigshafen, Dow im Chemiedreieck Leuna, Bayer in Frankfurt sowie Evonik mit Standorten in Bitterfeld, Hamburg und Witten.

Auch die Politik reagiert auf die Lage. Vor dem EU-Gipfel hat Bundeskanzler Friedrich Merz eine härtere Handelspolitik der Europäischen Union angekündigt. Er sprach im Bundestag von einer „robusten europäischen Antwort“ auf unfaire Wettbewerbsbedingungen im Welthandel. Damit rückt die Frage stärker in den Fokus, wie Europa energieintensive Industrien halten und zugleich auf globale Preisverschiebungen reagieren kann.

Gegenbild in der Chipindustrie

Während Teile der europäischen Chemie unter sinkender Nachfrage und Preisdruck leiden, wächst ein anderer Industriezweig rasant. Der taiwanische Auftragsfertiger TSMC meldete laut n-tv erneut einen Rekordgewinn. Das Nettoergebnis stieg im vergangenen Quartal um 69 Prozent auf 21,02 Milliarden Euro. Der Umsatz hatte zuvor bereits 41,66 Milliarden Euro erreicht.

TSMC profitiert vom Boom bei Künstlicher Intelligenz. Der Konzern produziert Chips für Unternehmen wie Nvidia, Apple, AMD und Broadcom und arbeitet an seiner Kapazitätsgrenze. Für das laufende Jahr sind Investitionen von 52 bis 56 Milliarden Euro in neue Fertigungsanlagen geplant. In Arizona sollen mittelfristig Werke im Umfang von 265 Milliarden Dollar entstehen. Zusätzlich wird über ein weiteres Projekt in Texas spekuliert.

Der Kontrast zeigt, wie unterschiedlich die Industrieentwicklung derzeit verläuft. Energieintensive europäische Grundstoffproduzenten müssen Kosten senken und Standorte überprüfen. Halbleiterhersteller mit Zugang zu stark wachsender KI-Nachfrage bauen dagegen massiv aus. Für Unternehmen mit engen Verbindungen zur Auto-, Bau- und Elektronikindustrie bleibt entscheidend, ob Europa bei Kosten, Nachfrage und Handelspolitik wieder verlässlichere Bedingungen schafft.