Wirtschaft · Arbeitsmarkt und Insolvenzen
Beschäftigung schrumpft, Firmenpleiten nehmen zu
Die wirtschaftlichen Warnsignale in Deutschland verdichten sich: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung rechnet für 2027 in den meisten Bundesländern mit sinkender Beschäftigung. Parallel meldet das Statistische Bundesamt für Juli 2.373 beantragte Unternehmensinsolvenzen. Das waren 8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor; ein höherer Juli-Wert wurde zuletzt 2013 registriert.
Beschäftigung sinkt in den meisten Ländern
Der Rückgang der Beschäftigung, der bereits im laufenden Jahr eingesetzt hat, dürfte sich nach der Regionalprognose des Nürnberger IAB fortsetzen. Wie der Tagesspiegel unter Berufung auf die dpa berichtet, erwartet das Institut nur noch in Berlin, Brandenburg und Niedersachsen Zuwächse. Für Berlin wird ein Plus von 0,7 Prozent genannt, für Brandenburg und Niedersachsen jeweils 0,1 Prozent.
In allen übrigen Bundesländern prognostizieren die Arbeitsmarktforscherinnen und Arbeitsmarktforscher ein Minus. Besonders deutlich fällt es demnach im Saarland aus, wo die Beschäftigung um 1,3 Prozent sinken soll. Thüringen folgt mit einem erwarteten Rückgang von 0,7 Prozent. Für Bremen und Sachsen-Anhalt werden jeweils 0,6 Prozent weniger Beschäftigung genannt.
Ein wesentlicher Grund liegt in der demografischen Entwicklung. Viele Menschen aus geburtenstarken Jahrgängen verlassen den Arbeitsmarkt, während weniger Zuwanderung die Lücke nicht ausgleicht. Damit stehen Unternehmen regional weniger Arbeitskräfte zur Verfügung, selbst wenn sich die Konjunktur verbessert.
Weniger Arbeitslose sind kein Entwarnungssignal
Auffällig ist: In vielen Regionen soll zugleich auch die Arbeitslosigkeit zurückgehen. Den stärksten Rückgang erwartet das IAB in Mecklenburg-Vorpommern mit 3,9 Prozent. In Thüringen wird ein Minus von 1,8 Prozent prognostiziert. Das bedeutet jedoch nicht automatisch eine robuste Entwicklung. Wenn Beschäftigung und Arbeitslosigkeit gleichzeitig sinken, weist das auch auf ein kleiner werdendes Arbeitskräfteangebot hin.
IAB-Forscherin Anja Rossen sagte laut Tagesspiegel, trotz besserer Aussichten für die Konjunktur sei auf den regionalen Arbeitsmärkten „noch keine generelle Trendwende“ zu erkennen. Besonders schwierig bleibt die Lage demnach an Standorten, die stark vom verarbeitenden Gewerbe abhängen. Die Industrie steht weiter unter strukturellem Druck.
Bei den aktuellen Arbeitslosenquoten zeigen sich große regionale Unterschiede. Bremen weist mit 11,3 Prozent den höchsten Wert unter den Bundesländern auf. Bayern liegt mit 4,1 Prozent am unteren Ende. Die Chefin der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, hatte zuletzt darauf hingewiesen, dass der Arbeitsmarkt auf konjunkturelle Veränderungen verzögert reagiert. Eine Schwächephase zeigt sich dort oft erst später; eine Erholung ebenfalls.
Insolvenzen erreichen neuen Juli-Höchststand
Neben den Beschäftigungsdaten rückt die Entwicklung bei Unternehmenspleiten stärker in den Vordergrund. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts registrierten die Amtsgerichte im Juli 2.373 beantragte Firmeninsolvenzen. n-tv berichtete, dass damit der höchste Juli-Stand seit 13 Jahren erreicht wurde. Im Juli 2013 waren 2.459 Fälle gezählt worden.
Die amtliche Statistik bildet Insolvenzverfahren erst ab, nachdem ein Gericht erstmals entschieden hat. Der eigentliche Antrag kann daher bereits einige Monate früher gestellt worden sein. Die Zahlen geben damit nicht den tagesaktuellen Stand wieder, zeigen aber den anhaltenden Trend.
Für die ersten sieben Monate des Jahres wurden 15.185 Unternehmensinsolvenzen erfasst. Das entspricht einem Plus von 6,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die angemeldeten Gläubigerforderungen summierten sich auf 21,9 Milliarden Euro. Ein Jahr zuvor lagen sie bei 31,8 Milliarden Euro. Das Bundesamt erklärt den Rückgang damit, dass 2025 mehr wirtschaftlich bedeutende Unternehmen betroffen waren.
Besonders betroffene Branchen
Die Insolvenzhäufigkeit unterscheidet sich stark nach Wirtschaftszweigen. Von Januar bis Juli lag der Bereich Verkehr und Lagerei mit 85,5 Fällen je 10.000 Unternehmen vorn. Danach folgten das Gastgewerbe mit 70,0 und das Baugewerbe mit 62,9 Fällen. Über alle Branchen hinweg betrug der Durchschnitt 42,8 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen.
DIHK-Mittelstandsexperte Marc Evers sagte n-tv zufolge, „alle 19 Minuten“ gehe in Deutschland ein Unternehmen in die Insolvenz. Er wertete die Entwicklung als Zeichen dafür, dass die Erholung bislang nicht breit genug in der Wirtschaft ankommt.
Bei Verbraucherinsolvenzen zeigt sich ein gemischtes Bild. Im Juli sank ihre Zahl um 5,9 Prozent auf 7.111 Fälle. In den ersten sieben Monaten zusammen stieg sie jedoch leicht um 1,0 Prozent auf 46.043. Damit treffen zwei Entwicklungen aufeinander: weniger Beschäftigungspotenzial in vielen Regionen und mehr Zahlungsschwierigkeiten in Teilen der Unternehmenslandschaft. Für die wirtschaftliche Lage bleibt entscheidend, ob eine konjunkturelle Belebung auch Betriebe außerhalb einzelner Wachstumsbereiche erreicht.