Wirtschaft · Fernverkehr unter Druck
Bahn verfehlt im September weiter ihr Pünktlichkeitsziel
Die Deutsche Bahn steckt im Fernverkehr weiter in einer schweren Pünktlichkeitskrise. Im September fuhren nur 52,4 Prozent der Fernzüge nach Bahnmaßstab pünktlich, wie n-tv unter Berufung auf Unternehmensangaben berichtete. Damit kam erneut fast jeder zweite Fernzug zu spät. Für das laufende Jahr hatte Bahnchefin Evelyn Palla mindestens 60 Prozent als Zielmarke genannt.
Quote verharrt knapp über 50 Prozent
Der Septemberwert ist der zweitschwächste Monatswert dieses Jahres. Im Vergleich zu den langfristig erfassten Monatsdaten zählt er laut n-tv zudem zu den besonders schlechten Ergebnissen. Als unpünktlich wertet die Bahn einen Zug ab sechs Minuten Verzögerung. Ausfälle werden in dieser Statistik nicht mitgerechnet.
Für Reisende ist jedoch auch entscheidend, ob sie ihr Ziel trotz Anschlussverlusten oder ausgefallener Züge noch rechtzeitig erreichen. Diese sogenannte Reisendenpünktlichkeit lag im September bei 58,6 Prozent. In diese Kennzahl fließen ausgefallene Verbindungen ein. Als pünktlich gilt hier, wer mit höchstens 14 Minuten und 59 Sekunden Verzögerung am Ziel ankommt.
Die Bahn verweist zur Erklärung auf viele Störungen an der Infrastruktur. Betroffen waren unter anderem Anlagen entlang vielbefahrener Strecken. Zwischen Berlin und Wolfsburg mussten ICE-Züge wegen des Zustands der Trasse an mehreren Stellen langsamer fahren. Das belastete die Pünktlichkeit zusätzlich.
Sanierung auf der Strecke Hannover-Berlin
Der Abschnitt zwischen Berlin und Wolfsburg gehört zum Korridor Hannover-Berlin. Dort hat am Freitag eine umfassende Sanierung begonnen. Die Strecke soll bis Mitte Dezember 2027 nicht regulär befahren werden. Fernzüge werden während der Arbeiten über Braunschweig und Magdeburg geführt.
Für Fahrgäste bedeutet das auf der Verbindung Berlin-Hannover deutlich längere Fahrzeiten. Die Bahn rechnet mit rund 80 Minuten zusätzlicher Reisezeit. Die Einschränkungen treffen eine zentrale Ost-West-Achse des Fernverkehrs und fallen in eine Phase, in der die Pünktlichkeit ohnehin auf niedrigem Niveau liegt.
Der Konzern setzt bei solchen Projekten auf längere Vollsperrungen, um viele Arbeiten gebündelt zu erledigen. Ziel ist ein stabileres Netz nach Abschluss der Bauphase. Gleichzeitig verschärfen Umleitungen während der Sanierungen die Belastung auf Ausweichstrecken.
Bilger erhöht Druck auf die Bahn
Bundesverkehrsminister Steffen Bilger verlangt von der Bahn rasche Fortschritte. Im ARD-Interview, über das die tagesschau berichtete, sagte der CDU-Politiker, bis 2029 müsse es für Kundinnen und Kunden eine „spürbare Verbesserung“ geben. Dann soll die Pünktlichkeit im Fernverkehr bei 70 Prozent liegen.
Bilger nannte diese Vorgabe ambitioniert, verwies aber auf die zuletzt nur knapp über 50 Prozent liegenden Werte. Neben der Pünktlichkeit seien auch Sicherheit, Sauberkeit und bessere Informationen für Reisende wichtig. Für solche Themen laufen bereits Sofortprogramme.
Kritisch sieht der Minister den bisherigen Ablauf der Korridorsanierungen. Der Deutschlandfunk berichtete, Bilger habe erneut bemängelt, dass das Versprechen störungsfreier Strecken nach abgeschlossenen Bauarbeiten zu häufig nicht erfüllt worden sei. Als Beispiel nannte er die Strecke Hamburg-Berlin, die trotz langer Sperrung nach der Sanierung weiterhin Probleme gemacht habe.
Milliardenprogramm mit hohen Erwartungen
Bilger kündigte ein neues Baustellenkonzept an. Korridorsanierungen soll es weiter geben, sie sollen aber verlässlicher wirken. Bund und Bahn verhandeln zudem über eine „Leistungsvereinbarung“. Darin soll festgelegt werden, welche Mittel in den kommenden fünf Jahren bereitstehen und wofür sie verwendet werden.
Der Minister sprach laut tagesschau von mehr als 80 Milliarden Euro. Das wäre etwa doppelt so viel wie in den fünf Jahren zuvor. Mit dem Geld soll die Infrastruktur verbessert werden. Zugleich steigt damit der politische Druck, messbare Ergebnisse zu liefern.
Die Pünktlichkeitskrise gilt als Folge eines über Jahre stark belasteten und sanierungsbedürftigen Netzes. Der bundeseigene Konzern arbeitet mit Bundesmitteln an zahlreichen Hauptstrecken. Diese Generalsanierungen werden sich nach Bahnangaben noch weit in die 2030er-Jahre ziehen. Für Reisende bedeutet das kurzfristig weitere Baustellen, Umleitungen und längere Fahrzeiten. Die Hoffnung der Bahn ist, dass das Netz danach zuverlässiger funktioniert.