Sport · Portugals Nationalteam
Ronaldo-Konflikt eskaliert nach Abgang aus dem Team
Cristiano Ronaldo hält an seiner Zukunft in Portugals Nationalmannschaft fest und verschärft damit den Konflikt mit Nationaltrainer Jorge Jesus. Der 41-Jährige hatte das Team in der vergangenen Woche verlassen, nachdem er beim 2:1 in Norwegen in der Nations League nicht zum Einsatz gekommen war. Nun wirft er Jesus Wortbruch vor, legt seine Sicht ausführlich dar und sorgt mit einer öffentlich gezeigten Mittelfinger-Geste für neue Empörung.
Streit nach der Bankrolle
Der Auslöser des Konflikts liegt im Spiel in Norwegen. Ronaldo blieb dort über die gesamte Partie auf der Bank. Anschließend verließ der Kapitän das portugiesische Team, obwohl Jesus später eine Rückkehr offenließ. Der Spieler von Al-Nassr in Saudi-Arabien machte am Dienstag deutlich, dass er sich vom Trainer getäuscht sieht und weiter für Portugal spielen will.
Die Welt berichtet, Ronaldo spreche von einem „absolutem Vertrauensbruch“. Das Blatt verweist zugleich darauf, dass Jesus vor dem Eklat widersprüchliche Signale gesendet habe: Mal sei Ronaldo als Sonderfall behandelt worden, mal als normaler Kaderspieler. Jesus ist 72 Jahre alt und kennt Ronaldo aus gemeinsamer Zeit bei Al-Nassr. Seit Juli steht er an der Spitze der portugiesischen Auswahl.
Ronaldo hatte nach der Weltmeisterschaft über ein Ende im Nationalteam nachgedacht, entschied sich aber dagegen. In Portugal geht es deshalb nicht nur um eine Personalfrage, sondern um den Umgang mit einem Spieler, der die jüngere Geschichte der Auswahl geprägt hat. Ronaldo kommt auf 243 Länderspiele und 146 Tore. Kein anderer portugiesischer Fußballer steht so stark für die Nationalmannschaft der vergangenen zwei Jahrzehnte.
Effenberg fordert klaren Schnitt
Deutliche Kritik kommt von Stefan Effenberg. Der frühere Nationalspieler sagte laut Tagesspiegel unter Berufung auf dpa beim Fußball-Kongress in Stuttgart, Ronaldo sei bei der Sommer-WM nicht mehr der Spieler gewesen, an den sich viele erinnerten. Ein Profi müsse erkennen, wann der richtige Moment für den Abschied gekommen sei. Über Ronaldo sagte Effenberg: „Aber er kapiert es nicht.“
Effenberg zog zudem den Vergleich zu Lionel Messi. Der Argentinier habe mit 39 Jahren den Abschluss seiner Länderspielkarriere gefunden und beim 3:1 gegen Benin noch einmal ein Tor erzielt sowie zwei Treffer vorbereitet. Deshalb werde Messi in der historischen Bewertung über Ronaldo stehen, meinte Effenberg.
Auch Ronaldos sportliches Ziel hält der frühere Bayern-Profi für unerreichbar. Der Portugiese strebe offenbar weiter nach dem WM-Titel mit seinem Land. Bei der Weltmeisterschaft 2030 wäre Ronaldo 45 Jahre alt. Effenbergs Einschätzung dazu fiel knapp aus: „Das wird nicht funktionieren.“ Der aktuelle Streit schade aus seiner Sicht allen Beteiligten: dem Verband, dem Team und Ronaldo selbst.
Jesus zwischen Autorität und Legende
Für Jorge Jesus ist die Lage heikel. Als Nationaltrainer muss er einen Kader führen, in dem längst eine neue Generation Verantwortung beansprucht. Spieler wie João Neves oder Vitinha haben auf Klubebene große Erfolge gefeiert und stehen für ein Portugal, das nicht mehr vollständig um Ronaldo herum organisiert ist.
Gleichzeitig bleibt Ronaldo eine Ausnahmefigur. Sein Status erschwert jede sportliche Entscheidung gegen ihn. Wer ihn nominiert, muss erklären, welche Rolle er einnimmt. Wer ihn auf die Bank setzt, riskiert eine öffentliche Auseinandersetzung. Genau dieser Konflikt ist nun offen ausgebrochen.
Die Süddeutsche Zeitung ordnet den Vorgang als Machtprobe um Stolz, Abschied und Deutungshoheit ein. Nach dem Verlassen des Teamquartiers hatte Ronaldo mit einer Erklärung große Aufmerksamkeit erzeugt. Mit seinen Vorwürfen und der demonstrativen Geste hat er die Debatte weiter zugespitzt.
Abschied ohne Einigung
Der Streit zeigt, wie schwer große Karrieren in Nationalmannschaften enden können. Ronaldo verbindet sportliche Verdienste, persönlicher Ehrgeiz und eine außergewöhnliche Bedeutung für Portugal. Gleichzeitig spricht die sportliche Entwicklung dafür, dass Trainerentscheidungen nicht mehr selbstverständlich auf ihn zugeschnitten werden.
Eine gemeinsame Lösung zwischen Jesus und Ronaldo ist derzeit nicht erkennbar. Der Trainer hat eine Rückkehr nicht ausgeschlossen, der Kapitän fordert Vertrauen ein und will weitermachen. Damit bleibt Portugals Nationalteam vorerst mit einer Frage belastet, die über die nächste Aufstellung hinausreicht: Wie beendet man die Ära eines Fußballers, der lange größer wirkte als jede Debatte um seine Rolle?