Sport · Machtkampf bei der FIFA
Neuendorf verschärft Druck auf Infantino
DFB-Präsident Bernd Neuendorf stellt sich offen gegen eine weitere Amtszeit von FIFA-Präsident Gianni Infantino. Für die Wahl beim FIFA-Kongress im März 2027 in Rabat will Deutschland Infantino nicht unterstützen. Zugleich drängt Neuendorf darauf, rechtzeitig eine Gegenkandidatin oder einen Gegenkandidaten aufzubauen. Die Frist für eine Nominierung endet am 18. November.
Scharfe Kritik aus dem DFB
Neuendorf hat seine Kritik an Infantino vor einem Treffen der europäischen Fußballverbände deutlich verschärft. Im Tagesspiegel-Interview sagte der DFB-Präsident: „Wir müssen ihn vom Platz stellen.“ Infantino sei an der Spitze des Weltverbands nicht länger akzeptabel, erklärte Neuendorf sinngemäß. Innerhalb des Deutschen Fußball-Bunds gebe es nach seinen Worten Einigkeit darüber, dass der FIFA-Präsident Vertrauen verloren habe.
Der DFB-Chef wirft Infantino vor, dem Fußball geschadet und eine problematische Führungskultur in der FIFA geprägt zu haben. Besonders deutlich wurde Neuendorf bei der Frage, ob Infantino selbst den angekündigten Reformprozess steuern könne. Er warnte davor, den Verantwortlichen für die bestehenden Zustände zum Leiter der Erneuerung zu machen. Wörtlich sagte er: „Wir können aber nicht den Bock zum Gärtner machen.“
Neuendorf sitzt seit April 2023 selbst im FIFA-Council. Damit ist er Teil des wichtigsten Entscheidungsgremiums des Weltverbands. In dieser Funktion trug er auch umstrittene Beschlüsse mit, darunter die Vergabe der Weltmeisterschaft nach Saudi-Arabien. Zudem verteidigte er die Auszeichnung, die Infantino an US-Präsident Donald Trump vergeben hatte.
Berlin als Signal für die UEFA
Beim Termin der europäischen Verbände in Berlin, den ZDF und Deutschlandfunk für Donnerstag ansetzen, während Sportschau und n-tv Mittwoch nennen, soll es um die weitere Strategie gegen Infantino gehen. Erwartet werden Vertreterinnen und Vertreter der UEFA-Mitgliedsverbände. Für den DFB nehmen neben Neuendorf auch Vizepräsident Hans-Joachim Watzke eine wichtige Rolle ein.
Die europäische Seite steht unter Zeitdruck. Bis Mitte November muss eine Alternative benannt sein, wenn Infantino bei der Wahl im Frühjahr ernsthaft herausgefordert werden soll. Neuendorf hält es nicht für zwingend, dass diese Person aus Europa kommt. Auch eine Kandidatur aus einem anderen Kontinentalverband sei denkbar.
Bislang gibt es jedoch keine feststehende Gegenkandidatur. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin will selbst nicht antreten. Auch der einflussreiche Funktionär Nasser Al-Khelaifi wird nicht als Kandidat erwartet. Offen bleibt, ob CONCACAF-Präsident Victor Montagliani oder AFC-Chef Salman bin Ibrahim Al Khalifa einen Wahlkampf gegen Infantino führen würden.
Auslöser des Konflikts
Der Widerstand gegen Infantino reicht über Europa hinaus. Neben der UEFA haben sich auch der asiatische Verband AFC sowie die Konföderation für Nord- und Mittelamerika und die Karibik CONCACAF gegen ihn positioniert. Ein zentraler Streitpunkt ist der sogenannte Fall Balogun bei der Weltmeisterschaft. Infantino soll in die Rotsperre eines US-Spielers eingegriffen haben, nachdem Druck von US-Präsident Trump ausgegangen war.
Hinzu kommen die gescheiterten Pläne, private Investoren an der Weltmeisterschaft zu beteiligen. Ende August eskalierte der Konflikt zusätzlich, als im Zusammenhang mit diesen Vorhaben ein Strafantrag vor Schweizer Gerichten angedroht wurde. In den USA wurden dafür Informationen zu den geplanten Geschäften angefragt.
Infantino reagierte zuletzt mit dem Angebot, über Reformen in der FIFA zu sprechen. Er stellte eine externe Prüfung der Verbandsführung in Aussicht und kündigte Gespräche über stärkere Entscheidungsstrukturen an. Außerdem brachte er zusätzliche Ausschüttungen aus FIFA-Rücklagen ins Spiel. Neuendorf wertet dieses Angebot als Versuch, die eigene Wiederwahl abzusichern.
Mehrheit bleibt unsicher
Trotz des wachsenden Drucks ist Infantinos Position nicht aussichtslos. Der FIFA-Präsident hat deutlich gemacht, dass er erneut kandidieren will. Ein Verzicht auf eine vierte Amtszeit ist nicht erkennbar. Gleichzeitig ist offen, ob die drei kritischen Kontinentalverbände ihre Mitglieder geschlossen hinter eine gemeinsame Alternative bringen können.
Erste Brüche sind bereits sichtbar. Lettland hat sich als europäischer Verband für Infantino ausgesprochen. Für dessen Gegnerinnen und Gegner wird damit entscheidend, ob sie bis zum 18. November eine Person präsentieren können, die auch außerhalb Europas Unterstützung findet.
Die nächste Wegmarke ist die Sitzung des FIFA-Councils am 15. Oktober. Dort wollen die Kritiker Infantinos Anträge gegen dessen Kurs auf die Tagesordnung bringen. Bis zur Wahl im März 2027 bleibt der Machtkampf damit eine der zentralen sportpolitischen Fragen im Weltfußball.