Politik · Unruhen an Schulen
Schülerproteste in Frankreich eskalieren weiter
Bei den anhaltenden Schülerprotesten in Frankreich ist ein 15-Jähriger in Lens schwer verletzt worden. Eine von der Polizei eingesetzte Granate explodierte im Zusammenhang mit einer Demonstration vor seiner Schule, der Jugendliche verlor eine Hand. Polizei und Staatsanwaltschaft erklärten, er sei in ein Krankenhaus gebracht worden und schwebe nicht in Lebensgefahr. Die Polizeiaufsicht IGPN untersucht den Einsatz.
Schwerer Vorfall vor einer Schule
Der Vorfall ereignete sich vor einer Schule im nordfranzösischen Lens. Dort protestierten Schülerinnen und Schüler im Zuge der landesweiten Bewegung für bessere Bedingungen im Bildungswesen. Nach Darstellung der Präfektur wurden Einsatzkräfte aus einer Gruppe von etwa 200 bis 250 Jugendlichen heraus mit Steinen und Feuerwerkskörpern attackiert. Anschließend rückte die Bereitschaftspolizei an.
Unklar ist, wie genau die Granate den 15-Jährigen verletzte. Aus Polizeigewerkschaftskreisen hieß es laut ZDFheute, der Schüler habe den Sprengkörper aufgehoben und zurückwerfen wollen. Behörden prüfen aber auch die Möglichkeit, dass die Granate unmittelbar in seiner Hand landete. Eine Mitschülerin schilderte dem Sender Ici Nord, sie habe neben dem Verletzten gestanden. Sie sagte: „Plötzlich traf etwas seine Hand und es explodierte.“
Der Präfekt des Départements Pas-de-Calais, François-Xavier Lauch, bezeichnete den Vorgang als „sehr schwerwiegend“. Die Schule des verletzten Jugendlichen kündigte an, auf Fernunterricht umzustellen und Beratung sowie Unterstützung anzubieten.
Proteste erfassen Hunderte Schulen
Die Schulproteste dauern seit Wochen an und haben sich zuletzt deutlich ausgeweitet. Am Montag fiel an mehr als 400 Schulen Unterricht aus oder der Betrieb wurde stark eingeschränkt. Hunderte Einrichtungen blieben ganz geschlossen. Für Dienstag haben Schülervertretungen und weitere Organisationen zu einem landesweiten Aktionstag aufgerufen. Demonstrationen sind unter anderem in Paris, Lyon und Bordeaux geplant.
Auch Gewerkschaften aus dem Bildungsbereich unterstützen die Mobilisierung. Sie riefen dazu auf, sich an Aktionen zu beteiligen oder die Arbeit niederzulegen. Nach Regierungsangaben beteiligten sich zudem 30 bis 40 Hochschulen an der Bewegung.
Die Proteste richten sich gegen aus Sicht der Schülerinnen und Schüler unzureichende Lernbedingungen. Gefordert werden mehr Lehrkräfte, kleinere Klassen, kürzere Schultage sowie bessere Ausstattung, darunter Klimaanlagen und Heizungen. Auslöser war Mitte September eine Schule in einer Pariser Vorstadt, an der Personal fehlte. Zum Beginn des Schuljahres 2025/26 waren landesweit gut 2.000 Lehrerstellen nicht besetzt.
Weitere Verletzte und Ermittlungen
Der Fall in Lens ist nicht der einzige schwere Vorwurf gegen Sicherheitskräfte. Der Spiegel berichtete unter Berufung auf die Nachrichtenagentur AFP, die Polizei habe inzwischen sechs interne Untersuchungen eingeleitet. ZDFheute nennt fünf interne Ermittlungen. Einer der Fälle betrifft einen 16-Jährigen in Tours, der am vergangenen Mittwoch ein Auge verlor. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Verletzung wahrscheinlich durch ein Hartgummigeschoss verursacht wurde. Die Familie erstattete Anzeige.
In Saint-Ouen-l’Aumône soll ein 14-Jähriger beim Abschuss einer Tränengasgranate im Gesicht getroffen worden sein. Zugleich laufen Ermittlungen gegen zwei Jugendliche im Alter von 15 und 17 Jahren. Sie sollen einen Polizisten zu Boden gebracht und gegen den Kopf getreten haben. Der Ältere erhob seinerseits Vorwürfe gegen den Beamten und erstattete Anzeige.
Bei den Festnahmen unterscheiden sich die Angaben nach Zeitraum und Zählweise. Der Spiegel nennt unter Berufung auf offizielle Angaben seit Beginn der Proteste 5.060 Festnahmen, davon 87 Prozent Minderjährige. ZDFheute berichtet für die vergangene Woche von insgesamt 5.000 Festnahmen, darunter 85 Prozent Minderjährige. Zudem wurden nach ZDF-Angaben 78 Schulbeschäftigte verletzt. Zwei Dutzend Schulen wurden schwer beschädigt oder angezündet.
Regierung sucht nach Antworten
Die Menschenrechtsliga kritisierte den Polizeieinsatz scharf und sprach mit Blick auf das Vorgehen der Sicherheitskräfte von einer „weitgehenden Abkehr vom Rechtsstaat“. Die Regierung steht zugleich vor der Aufgabe, auf Forderungen nach mehr Personal und besseren Bedingungen zu reagieren. Premierminister Sébastien Lecornu beauftragte am Wochenende fünf Ministerien damit, Lösungen zu erarbeiten.
Frankreichs hohe Verschuldung erschwert zusätzliche Ausgaben im Bildungsbereich. ZDF-Korrespondent Thomas Walde ordnete die Lage als Verteilungskonflikt ein. Die Protestbewegung bleibt damit nicht nur eine Auseinandersetzung um Schulen, sondern auch ein politischer Belastungstest für die Regierung.