Politik · Krieg in der Ukraine
Russlands Angriffe setzen Ukraine vor Winter unter Druck
Russland verstärkt seine Luftangriffe auf ukrainische Städte und zivile Infrastruktur. Neben der Energieversorgung geraten zunehmend Lager, Lieferketten und medizinische Einrichtungen unter Druck. Der frühere ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba warnt in einem Gespräch mit WELT vor einem Winter, der für die Ukraine härter werden könnte als die bisherigen Kriegswinter.
Angriffe treffen die Versorgung
Die Folgen der Angriffe zeigen sich besonders im Gesundheitsbereich. In Kiew war in dieser Woche ein verbreitetes Herzmedikament zeitweise in keiner Apotheke erhältlich. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation leidet etwa ein Viertel der Menschen in der Ukraine an gefährlich erhöhtem Blutdruck. Verzögerungen bei solchen Mitteln treffen damit viele Patientinnen und Patienten.
n-tv berichtet, dass Russland im September mehrere pharmazeutische Lager und Verteilzentren getroffen hat. Darunter war ein wichtiges Logistikzentrum in der Region Kiew, das schwer beschädigt wurde. Zwei große Lieferanten, die zusammen einen Großteil der Apotheken im Land versorgen, waren ebenfalls betroffen. Bereits seit 2022 steht diese Infrastruktur unter Beschuss, zuletzt nahmen Intensität und Häufigkeit aber zu.
Nach vorsichtigen Schätzungen gingen allein im September große Mengen an Lagerfläche und Medikamenten verloren. Besonders heikel ist die Lage bei Arzneien, die gekühlt werden müssen. Zugleich zielen russische Angriffe auch auf Kühlkapazitäten in der Logistik großer Lebensmittelketten. Für Medikamente wie Insulin kann das zusätzliche Risiken schaffen, selbst wenn Vorräte vorhanden sind.
Die Umstellung der Lieferwege verteuert die Versorgung. Seit dem Sommer stiegen die Preise für häufig genutzte Arzneien um etwa zehn Prozent. Besonders schwierig bleibt die Belieferung von Regionen nahe der Front. Dort können Unterbrechungen bei Therapien gegen HIV, Tuberkulose, Krebs oder seltene Krankheiten schwerwiegende Folgen haben. EU-Hilfslieferungen verhindern bislang länger anhaltende Engpässe im ganzen Land, doch lokale Ausfälle belasten das System weiter.
Kliniken arbeiten unter Luftalarm
Auch Krankenhäuser stehen unter wachsendem Druck. Nach ukrainischen Angaben wurden 340 Bereiche in 127 medizinischen Einrichtungen vollständig zerstört. Weitere 3.000 Bereiche in 850 Einrichtungen wurden beschädigt. Hinzu kommen Personalmangel, unterbrochene Operationen und wiederholte Luftalarme.
Bei einzelnen Drohnen oder Raketen können Kliniken weiterarbeiten. Bei massiven Angriffen müssen Personal sowie Patientinnen und Patienten, soweit möglich, in Schutzräume gebracht werden. Dann bleiben nur Notoperationen und akute Behandlungen im normalen Ablauf. Geplante Eingriffe werden verschoben, was Ärztinnen, Pflegekräfte und Betroffene zusätzlich belastet.
Ein weiteres Problem ist die Energieversorgung. Seit dem 30. September läuft eine neue Angriffswelle gegen Strom- und Heizungsanlagen, besonders mit Blick auf Kiew. Die dortigen Kliniken verfügen zwar offiziell über eigene Generatoren. Bei längeren Stromausfällen können jedoch Treibstoff, Ersatzteile und Wartung zum Engpass werden. Davon hängen unter anderem Sauerstoffanlagen, Beatmungsgeräte und Dialysestationen ab.
Kuleba sieht neue Qualität
Kuleba beschreibt die jüngsten Angriffe als Eskalation. Im RONZHEIMER-Podcast sagte er laut WELT, Russland habe im vergangenen Winter vor allem das Stromnetz ins Visier genommen. Nun würden auch Lager für Medikamente und Lebensmittel angegriffen. Sein Fazit lautet: Moskau wolle die Ukraine nicht nur verdunkeln, sondern funktionsunfähig machen.
Als gefährlichstes Szenario nennt Kuleba einen Zusammenbruch zentraler Systeme in großen Städten. Dazu zählt er Strom, Wasser und Abwasser. Zugleich hält er die Ukraine für widerstandsfähig genug, um den Winter zu überstehen. Der Preis werde aus seiner Sicht aber deutlich höher sein als im Vorjahr.
Kuleba sieht den Grund für die Ausweitung der Angriffe nicht in einer militärischen Stärke Russlands am Boden. Vielmehr sei Moskau daran gescheitert, die Ukraine auf dem Schlachtfeld zu besiegen. Die Bombardierungen sollten daher den Durchhaltewillen der Bevölkerung und die Unterstützung aus dem Ausland schwächen.
Warnung an Europa
Der frühere Außenminister hält eine politische Verständigung mit Kremlchef Wladimir Putin derzeit nicht für realistisch. Er verweist auf steigende russische Militärausgaben, die Ausschaltung kriegskritischer Stimmen im Parlament und die Unterstützung des Kriegskurses in Teilen der Bevölkerung. Europa solle sich nicht der Hoffnung hingeben, Putin suche eine Unterbrechung oder Lösung des Krieges.
An Deutschland richtet Kuleba eine besonders deutliche Warnung. Gegenüber Paul Ronzheimer sagte er über mögliche Vorwürfe, die Ukraine wolle Deutschland in den Krieg hineinziehen: „Putin wird Euch in einen Krieg hineinziehen.“ Aus seiner Sicht bereitet die russische Führung die Bevölkerung auf einen größeren Konflikt mit Europa vor.
Damit gewinnt der Krieg vor dem Winter eine weitere Dimension. Die Angriffe zielen nicht nur auf militärische Ziele, sondern auf die Funktionsfähigkeit des ukrainischen Alltags. Energie, Medikamente, Kliniken und Logistik werden zu zentralen Faktoren für die Widerstandskraft des Landes.