Zum Inhalt springen
Stündlich aktualisiert

Politik · Krieg gegen die Ukraine

Russland erhöht den Druck auf Kiew und Europas Sicherheit

Russland greift Kiew erneut mit Drohnen und Raketen an. Zugleich warnen Sicherheitsbehörden vor einer verschärften Bedrohung für Deutschland und Europa.

Presseonline-Redaktion · · 4 Min. Lesezeit

Symbolbild: Eine nächtliche Großstadt am Fluss steht für die Angriffe auf Kiews Infrastruktur.
Symbolbild: Eine nächtliche Großstadt am Fluss steht für die Angriffe auf Kiews Infrastruktur. KI-generiert

Russland verstärkt seinen Krieg gegen die Ukraine mit Angriffen auf Kiew, Energieanlagen, Verkehrswege und Betriebe. Die Attacken zielen nicht nur auf militärische Ziele, sondern zunehmend auf Infrastruktur und Wirtschaft. Parallel warnen deutsche Sicherheitskreise vor einer aggressiveren russischen Strategie gegenüber Europa. Der Druck auf die Ukraine wächst damit an mehreren Fronten zugleich.

Brücken und Energie im Visier

In Kiew stehen nach den jüngsten Angriffen auch wichtige Übergänge über den Dnipro im Fokus. Der Fluss teilt die Hauptstadt in zwei große Bereiche. Werden Brücken beschädigt oder gesperrt, betrifft das nicht nur den Verkehr. In vielen Bauwerken verlaufen Leitungen für Energie und andere Versorgungssysteme. Schäden können deshalb weit über die Fahrbahn hinausreichen.

Der österreichische Militärexperte Markus Reisner sagte im Gespräch mit n-tv, Moskau reagiere auf westliche Unterstützung für ukrainische Drohnen- und Rüstungsprogramme. Russland habe Vergeltung angekündigt, „die sehen wir jetzt“, sagte Reisner dem Portal. Nach seiner Einschätzung nutzt Moskau neue, schnellere Drohnen, die mit Raketen und Marschflugkörpern kombiniert werden. Ziel sei es, die ukrainische Flugabwehr zu überfordern.

Reisner verweist zudem auf eine veränderte russische Drohnenproduktion. Demnach werden inzwischen schätzungsweise 2.000 bis 3.000 jetgetriebene Drohnen pro Monat hergestellt. Für die Ukraine erschwert das die Verteidigung, weil viele Abfangsysteme auf langsamere Drohnen ausgelegt sind. Die neuen Systeme werden laut Reisner unter anderem gegen Logistikzentren, Lager, Tankstellen und nun auch gegen Brücken eingesetzt.

Auch die Energieversorgung bleibt ein zentrales Angriffsziel. Nach Angaben des ukrainischen Energieministers sind rund 80 Prozent der kritischen Infrastruktur zerstört oder beschädigt. Betroffen sind unter anderem Umspannwerke, Heizkraftwerke und Teile der Stromversorgung. Reisner erwartet, dass Russland im Winter versuchen könnte, noch verfügbare Kernkraftwerke vom Stromnetz zu trennen. Das würde die Versorgungslage besonders in kalten Monaten weiter verschärfen.

Wirtschaft unter Beschuss

Neben der Infrastruktur gerät die ukrainische Wirtschaft immer stärker unter russischen Beschuss. n-tv berichtet über Attacken auf Fabriken, Stahlwerke, Einkaufszentren, Häfen, Bahnverbindungen, Post- und Logistikstandorte sowie Telekommunikationsknoten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wirft Moskau vor, die Wirtschaft seines Landes zerstören zu wollen, um den Widerstand zu schwächen.

Wirtschaftsminister Olexander Krawtschenko beziffert die Schäden am Anlagevermögen in diesem Jahr auf zehn Milliarden US-Dollar, umgerechnet 8,9 Milliarden Euro. Jede Stunde Luftalarm koste nach seinen Angaben rund 40 Millionen Euro, weil Beschäftigte Schutzräume aufsuchen und Betriebe stillstehen. Besonders betroffen sind Stahl, Landwirtschaft, Verkehr und Logistik.

Der Export landwirtschaftlicher Produkte leidet unter Angriffen auf Häfen am Schwarzen Meer und an der Donau. Nach Angaben des Landwirtschaftsministers Taras Wysozkyj läuft die Ausfuhr nur noch mit etwa halber Kraft. Ein Teil der Ernte bleibt dadurch in Betrieben liegen. Das schwächt Einnahmen, die für die nächste Aussaat und weitere Produktionszyklen gebraucht werden.

Auch deutsche Unternehmen sind betroffen. In einer Umfrage der Deutsch-ukrainischen Industrie- und Handelskammer meldeten zwölf Firmen Schäden an Gebäuden, Waren oder Anlagen. Der direkte Schaden liegt demnach bei 35,6 Millionen Euro, hinzu kommen weitere Ausfälle von 62,3 Millionen Euro. Die Kammer geht von zusätzlichen nicht gemeldeten Fällen aus.

Warnung vor russischem Schattenkrieg

Die verschärften Angriffe auf die Ukraine stehen auch im Zusammenhang mit Warnungen deutscher Sicherheitsbehörden. Wie die F.A.Z. berichtete, sieht BND-Präsident Martin Jäger Russland als Akteur eines verdeckten Konflikts gegen Deutschland und Europa. Russische Dienste gingen demnach professionell und rücksichtslos vor. Die Gefahr von Anschlägen gegen Ziele in Deutschland bezeichnete Jäger als real und gegenwärtig.

Jäger sagte laut F.A.Z., Russland wolle verhindern, dass in Berlin und anderen europäischen Hauptstädten Entscheidungen gegen Moskau getroffen würden. Er sprach von einem „Schattenkrieg gegen uns“. Deutschland sei aus Sicht Moskaus ein Hindernis für russische Machtansprüche in Europa geworden, weil es die Ukraine unterstützt und Bündnispartner im Osten Europas schützt.

Diese Warnungen passen zu den militärischen Entwicklungen in der Ukraine. Moskau setzt nicht allein auf Geländegewinne, sondern auf Druck gegen Städte, Versorgung, Wirtschaft und politische Entschlossenheit. Angriffe auf Energieanlagen sollen die Bevölkerung im Winter treffen. Attacken auf Unternehmen und Verkehr sollen dem Staat Einnahmen entziehen und den Alltag verteuern.

Belastungsprobe für Kiew und Europa

Die Ukraine bleibt auf militärische und finanzielle Hilfe angewiesen. Für den Staatshaushalt entsteht zusätzlicher Druck, weil Kriegsschäden die Steuereinnahmen gefährden. Nach Angaben Kiews klafft bis Ende 2026 ein Haushaltsloch in zweistelliger Milliardenhöhe. Selenskyj nannte zunächst umgerechnet 23 Milliarden Euro, Wirtschaftsminister Krawtschenko sprach von 17,6 Milliarden Euro.

Trotz der hohen Belastung erwarten Fachleute keinen unmittelbaren Zusammenbruch der ukrainischen Wirtschaft, solange internationale Unterstützung anhält. Der Krieg entwickelt sich jedoch weiter zu einem umfassenden Abnutzungskampf. Russland greift militärische, zivile und wirtschaftliche Strukturen an. Für die Ukraine bedeutet das: Die Front verläuft nicht nur im Osten des Landes, sondern auch durch Stromnetze, Verkehrswege, Betriebe und die Sicherheitsordnung Europas.