Zum Inhalt springen
Stündlich aktualisiert

Politik · Völkerrecht

Philippe Sands fordert klarere deutsche Haltung zu Gaza

Der Jurist Philippe Sands erhält in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In seiner Rede und im ZDF kritisiert er Deutschlands Zurückhaltung im Nahost-Konflikt.

Presseonline-Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Symbolbild: Ein Rednerpult und eine Waage stehen für die Debatte über Frieden und Völkerrecht.
Symbolbild: Ein Rednerpult und eine Waage stehen für die Debatte über Frieden und Völkerrecht. KI-generiert

Der britisch-französische Jurist und Schriftsteller Philippe Sands hat in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten und die deutsche Politik zu einer deutlicheren Haltung gegenüber Israels Vorgehen im Gazastreifen und im Westjordanland aufgefordert. Der Völkerrechtler verband die Auszeichnung mit einer Mahnung: Wer internationale Regeln verteidige, müsse mögliche Verstöße unabhängig vom jeweiligen Staat benennen.

Appell in der Paulskirche

Sands sprach am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche vor hochrangigen Gästen aus der Bundespolitik, darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour und Bundesjustizministerin Stefanie Hubig. Nach Darstellung der FAZ stellte Sands die Frage, weshalb Deutschland trotz seiner historischen Erfahrung nicht entschiedener auftrete. Kritik an Handlungen Israels sei für ihn weder antisemitisch noch gegen Israel gerichtet, sondern könne Ausdruck einer rechtlichen Bewertung sein.

Der 65-Jährige gilt als einer der bekanntesten Vermittler völkerrechtlicher Themen in der europäischen Öffentlichkeit. Er arbeitet als Professor für internationales Recht, tritt als Anwalt in internationalen Verfahren auf und veröffentlicht literarische Sachbücher über Gewaltverbrechen, Flucht, Kolonialgeschichte und die Entstehung moderner Rechtsbegriffe. Mit dem Friedenspreis wurde er für seinen Einsatz für Frieden, Recht und Menschenrechte geehrt.

In seiner Rede wandte sich Sands gegen die Vorstellung, die Einstufung von Taten als Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Völkermord dürfe den Blick auf Opfer und Verantwortung verstellen. Entscheidend sei, dass schwere Verbrechen benannt würden. Menschen, die solche Vorwürfe erheben, dürften nicht ausgegrenzt werden.

Kritik am Schweigen

Im ZDF-„heute journal“ vertiefte Sands seine Kritik an der deutschen Zurückhaltung. Er sagte, er verstehe angesichts der deutschen Geschichte die Sorge, Kritik an Israel könne als antisemitisch ausgelegt werden. Gerade Deutschland verfüge aber über besondere moralische Autorität. Wenn Staaten bei Gegnern Rechtsbrüche anprangerten, bei Verbündeten aber zurückhaltend blieben, beschädige das die Glaubwürdigkeit internationaler Regeln. Sands fasste seine Kritik im ZDF mit den Worten zusammen: „Doppelmoral geht einfach nicht.“

Der Jurist sieht in der aktuellen Weltlage eine ernste Belastungsprobe für das Völkerrecht. Er verwies auf Angriffe gegen Zivilisten, Verletzungen territorialer Integrität und politischen Druck auf internationale Institutionen. Besonders kritisch beurteilt er die Sanktionen der USA gegen den Internationalen Strafgerichtshof. Die Vereinigten Staaten hätten nach dem Zweiten Weltkrieg wesentlich zur Entwicklung des modernen Völkerrechts beigetragen, entfernten sich unter der derzeitigen Präsidentschaft aber von diesem Erbe.

Trotz dieser Diagnose hält Sands die völkerrechtliche Ordnung nicht für verloren. Im ZDF sagte er, Regeln entwickelten sich nicht geradlinig, sondern mit Rückschlägen. Er zeigte sich überzeugt, dass sie Bestand haben und die internationale Politik wieder stärker zu ihnen zurückfinden werde. Für die nähere Zukunft äußerte er sich jedoch skeptisch.

Bücher als Zugang zum Recht

Sands verbindet juristische Arbeit mit erzählender Literatur. In seinen Büchern rekonstruiert er Biografien, Gerichtsverfahren und historische Verbrechen. In „Rückkehr nach Lemberg“ verfolgt er die Geschichte seiner eigenen jüdischen Familie und zugleich die Entstehung zweier zentraler Begriffe des modernen Völkerstrafrechts: Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord.

Die FAZ erinnerte daran, dass Sands auch in Verfahren zu Augusto Pinochet, zu den Rohingya in Myanmar und zum Chagos-Archipel eine Rolle spielte. In der Paulskirche stellte er seine Arbeit in einen größeren Zusammenhang: Schweigen über Verbrechen sei für ihn ein zentrales Thema. Literatur könne helfen, die Schwierigkeit zu begreifen, Wahrheit auszusprechen.

Die Laudatio hielt Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums in München. Sie würdigte Sands als Autor, der juristische Fragen aus dem Gerichtssaal heraushole und erzählerisch zugänglich mache. Die Veranstaltung endete mit Musik von Leonard Cohen, vorgetragen von Laurent Naouri und Guillaume de Chassy.

Einordnung

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird traditionell zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse verliehen. Die Auszeichnung richtet den Blick nicht nur auf literarisches Schaffen, sondern auch auf gesellschaftliche und politische Debatten. Sands nutzte diese Bühne für eine grundsätzliche Botschaft: Das Völkerrecht soll nicht selektiv gelten. Seine Kritik trifft eine Debatte, die Deutschland seit Beginn des Krieges in Gaza besonders stark beschäftigt.