Politik · Schwarz-rote Reformpläne
Koalition vertagt Klarheit über zentrale Reformen
Union und SPD haben ihren Koalitionsausschuss im Kanzleramt nach rund vier Stunden beendet, ohne unmittelbar Beschlüsse zu verkünden. Im Mittelpunkt standen die Umsetzung des Reformpakets vom Juli und der Haushalt 2027. Die Koalition ringt damit weiter um Vorhaben bei Rente, Pflege, Arbeitsmarkt und Steuern. Bundeskanzler Friedrich Merz stellt inzwischen eine Verabschiedung erst im Frühjahr in Aussicht und rückt damit von dem bisherigen Ziel ab, das Paket noch bis Jahresende durch den Bundestag zu bringen.
Beratungen ohne sofortige Ergebnisse
Die Spitzen der Regierungsparteien kamen erstmals seit mehr als drei Monaten wieder in dieser Runde zusammen. Nach Angaben von n-tv verließen CSU-Chef Markus Söder und SPD-Chef Lars Klingbeil kurz nach 22 Uhr das Kanzleramt, Merz folgte später. Ergebnisse sollten demnach am Donnerstagmorgen bekanntgegeben werden, voraussichtlich schriftlich.
Der Ton nach außen blieb demonstrativ ruhig. Unionsfraktionschef Thorsten Frei sagte beim Weggehen laut n-tv lediglich: „Gut war’s.“ Aus dem Umfeld der Runde wurde die Atmosphäre als positiv beschrieben. Zugleich wurde der Verlauf nicht als großer Durchbruch dargestellt. Bereits vor dem Treffen galt es als wahrscheinlich, dass die Spitzen eher über das weitere Verfahren sprechen als über umfassende neue Sachentscheidungen.
Der Koalitionsausschuss bündelt die politische Abstimmung der Parteispitzen und der Regierungsspitze. Für das schwarz-rote Bündnis ist das Gremium neben dem Kabinett zentral, wenn Konflikte zwischen den Partnern geklärt oder größere Vorhaben auf Kurs gebracht werden sollen.
Reformpaket rückt ins Frühjahr
Der wichtigste Streitpunkt bleibt das im Juli vereinbarte Reformpaket. Es betrifft mehrere politisch besonders heikle Bereiche: die Alterssicherung, die Pflege, den Arbeitsmarkt und steuerliche Fragen. Die Fraktionsführungen hatten sich Ende August bei einer Klausur in Münster noch darauf verständigt, die Vorhaben bis Ende 2026 parlamentarisch abzuschließen.
Dieses Ziel ist nun deutlich fraglicher. Merz sagte vor dem Treffen beim Deutschlandgipfel von Handelsblatt und WirtschaftsWoche in Berlin, er rechne nicht damit, dass alles bis Weihnachten erledigt sei. Seine Hoffnung sei, die Vorhaben im Frühjahr des kommenden Jahres abschließen zu können. Damit verschiebt sich der realistische Zeitrahmen für zentrale Teile der Regierungsagenda um mehrere Monate.
Der Kanzler dringt dennoch darauf, dass die Koalition an ihrem Grundkurs festhält. Bei derselben Veranstaltung sagte der CDU-Vorsitzende, der Koalitionsvertrag und das Reformpaket blieben „unverändert die Geschäftsgrundlage“ der Zusammenarbeit. Damit setzte Merz vor der Sitzung ein Signal gegen Forderungen nach einer grundlegenden Neuverhandlung.
Die SPD verlangt hingegen Korrekturen. Ein besonderer Kritikpunkt ist die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren. In der Partei gibt es nach den Wahlergebnissen vom September Druck, soziale Punkte stärker zu gewichten und einzelne Beschlüsse noch einmal zu prüfen.
Druck nach Landtagswahlen
Die Beratungen fanden unter dem Eindruck deutlicher Verluste für Union und SPD bei drei Landtagswahlen im September statt. Für Merz ist das Treffen deshalb auch ein Test, ob die Koalition trotz schlechter Wahlergebnisse bei ihrem Kurs bleibt. Für die SPD geht es zugleich darum, gegenüber der eigenen Basis Nachbesserungen zu erreichen.
Zusätzliche Spannungen kommen aus den Ländern. In Sachsen-Anhalt wurde am Dienstag erstmals ein AfD-Politiker zum Landtagspräsidenten gewählt. Da die Wahl geheim erfolgte, steht der Verdacht im Raum, er könne auch Stimmen aus der CDU erhalten haben. Das sorgt in der SPD für erheblichen Unmut.
Umgekehrt kritisieren Unionspolitiker die Möglichkeit einer Koalition der SPD mit der Linken in Berlin. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann sieht darin einen Widerspruch zum Koalitionsvertrag, der eine Zusammenarbeit mit verfassungsfeindlichen und demokratiefeindlichen Parteien ausschließt. Die Union bewertet Teile der Berliner Linken als extremistisch und antisemitisch.
Haushalt als weiterer Prüfstein
Neben den Reformen stand auch der Bundeshaushalt 2027 auf der Tagesordnung. Konkrete Festlegungen wurden zunächst nicht öffentlich gemacht. Klar ist aber: Der Etat wird eng mit der Reformdebatte verbunden sein. Je später gesetzliche Änderungen kommen, desto schwieriger wird eine verlässliche Planung für Entlastungen, Einsparungen oder neue Ausgaben.
Die Sitzung zeigt damit vor allem den Stand der Koalition: Sie bekennt sich nach außen zu Handlungsfähigkeit, verschiebt aber die Entscheidung über zentrale Reformen. Für Merz und die Parteispitzen wächst der Druck, aus dem Zeitplan nun verbindliche Schritte zu machen. Das Frühjahr wird damit zum neuen Maßstab für den Reformkurs der Bundesregierung.