Politik · Ukraine-Hilfe im Winter
EU sucht Milliardenhilfe für die Ukraine im Winter
Die Europäische Union will die Ukraine vor dem Winter politisch und finanziell absichern. Beim EU-Gipfel in Brüssel stellten sich die Staats- und Regierungschefs am Freitag hinter Präsident Wolodymyr Selenskyj, während der Rückhalt aus Washington unsicherer wird. Im Mittelpunkt stehen zusätzliche Finanzierung für 2027, ein angekündigtes Winterpaket und die Frage, wie die Ukraine bei Kommunikation, Aufklärung und Luftabwehr weniger abhängig von den USA werden kann.
Brüssel signalisiert Rückhalt
Selenskyj wurde in Brüssel demonstrativ empfangen. EU-Ratspräsident António Costa und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kamen mit ihm zusammen, auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron traf den ukrainischen Staatschef. Von der Leyen und Costa sagten der Ukraine weitere europäische Hilfe zu und bekräftigten die Beitrittsperspektive.
Konkrete neue Zusagen blieben jedoch begrenzt. Selenskyj sprach nach den Gesprächen zwar von „voller Unterstützung aus Europa“, erhielt zugleich aber keine neuen verbindlichen Hilfspakete. Von der Leyen kündigte neue Sanktionen gegen Russland sowie ein Winterpaket an, das der Ukraine über die kommenden Monate helfen soll.
Der Winter erhöht den Druck auf die EU. Russland greift immer wieder Energieanlagen und Infrastruktur in der Ukraine an. Brüssel will deshalb sicherstellen, dass Kiew kurzfristig Unterstützung bekommt und zugleich die Finanzierung für die kommenden Jahre geklärt wird.
Neue Lücke für 2027
Finanziell zeichnet sich ein wachsendes Problem ab. Mehrere Regierungschefs rechneten damit, dass die EU in den nächsten zwei Monaten ein weiteres Hilfspaket vorbereiten muss. Der bereits beschlossene Kredit über 90 Milliarden Euro reicht demnach nicht aus, um den Bedarf der Ukraine für 2027 abzudecken.
Bundeskanzler Friedrich Merz sagte am Freitag, die Ukraine werde mit den vorhandenen Mitteln nicht auskommen. Er stellte weiteres Geld in Aussicht, ohne bereits eine feste Zusage zu machen. Selenskyj bezifferte die Lücke für 2027 in Brüssel auf 70 Milliarden Euro.
Als mögliche Finanzierungsquelle steht erneut eingefrorenes russisches Vermögen im Raum, das in Belgien liegt. Mehrere EU-Staaten drängen darauf, diese Mittel stärker für die Ukraine zu nutzen. Belgien bremst jedoch. Ministerpräsident Bart De Wever lehnt einen solchen Schritt weiter ab. Damit bleibt offen, wie die EU die zusätzliche Unterstützung organisieren will.
Auch der mehrjährige EU-Haushalt für 2028 bis 2034 spielt in die Debatte hinein. Die Mitgliedstaaten diskutieren, wie viel Geld künftig für Sicherheit, Verteidigung und Ukraine-Hilfe bereitstehen soll. Eine Lösung wurde beim Gipfel nicht erreicht.
Suche nach Ersatz für US-Systeme
Neben Geld geht es um militärische und technische Abhängigkeiten. Selenskyj machte deutlich, dass die Ukraine weiter auf Starlink und amerikanische Patriot-Systeme angewiesen ist. Starlink ist für Kommunikation und Koordination an der Front wichtig. Das System funktioniert nach den Angaben aus Brüssel nicht wieder vollständig. Neue Patriot-Systeme sind derzeit nicht absehbar.
Die Beratungen standen auch im Zusammenhang möglicher europäischer Alternativen zu Starlink. Klar ist: Die EU kann zentrale US-Fähigkeiten kurzfristig nicht vollständig ersetzen. Frankreich verweist zwar auf eigene Aufklärungsdaten, doch die Ukraine bleibt bei Luftverteidigung, Satellitenkommunikation und militärischen Informationen stark auf amerikanische Unterstützung angewiesen.
Zusätzliche Unsicherheit entsteht durch Donald Trump. Der US-Präsident hat die europäische Beschaffung amerikanischer Waffen für die Ukraine infrage gestellt. Auch die Weitergabe wichtiger Aufklärungsdaten an Kiew steht im politischen Streit. Zudem kritisierte Trump die Ukraine wegen Angriffen auf russische Raffinerien und warf Selenskyj vor, Friedensverhandlungen zu erschweren.
Merz bewertete ukrainische Angriffe auf russische Kommunikations- und Energieziele dagegen als „nachvollziehbar und verständlich“. Er verwies darauf, dass die Ukraine nur begrenzte Möglichkeiten habe, sich gegen Russland zu verteidigen.
Druck auf Europa wächst
Der Gipfel zeigt, wie stark die EU ihre Ukraine-Politik neu ausrichten muss. Einerseits will sie Kiew im Winter stützen, weitere Sanktionen gegen Moskau vorbereiten und die langfristige Finanzierung sichern. Andererseits kann Europa zentrale amerikanische Fähigkeiten nicht rasch ersetzen.
Die diplomatische Lage bleibt angespannt. Die EU will der Ukraine verlässlich helfen, ohne den Konflikt mit Washington weiter zu verschärfen. Gleichzeitig wächst der Druck, eigene Lösungen für Finanzierung, Waffenbeschaffung, Satellitendienste und Aufklärung zu entwickeln. Für Kiew zählt vor allem, dass die Unterstützung rechtzeitig kommt, bevor der Winter die Lage im Land weiter verschärft.