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Stündlich aktualisiert

Politik · Deutsche Einheit

Einkommenslücke zwischen Ost und West wächst

Zum Tag der Deutschen Einheit zeigen neue Zahlen: Haushalte im Osten haben deutlich weniger Geld zur Verfügung. Auch in Spitzenpositionen bleibt der Abstand groß.

Presseonline-Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Symbolbild: Die wirtschaftlichen und politischen Unterschiede zwischen Ost und West bleiben auch Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung sichtbar.
Symbolbild: Die wirtschaftlichen und politischen Unterschiede zwischen Ost und West bleiben auch Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung sichtbar. KI-generiert

Am Tag der Deutschen Einheit rücken die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland erneut in den Mittelpunkt. Aktuelle Daten zeigen, dass Haushalte in Ostdeutschland beim verfügbaren Einkommen nicht aufholen, sondern zuletzt weiter zurückfallen. Zugleich sind Menschen mit ostdeutscher Biografie in wichtigen Führungspositionen weiterhin deutlich seltener vertreten. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser, verbindet die Debatte mit der Forderung nach mehr ostdeutscher Repräsentanz an der Staatsspitze.

Mehr Abstand beim Einkommen

Wie Welt unter Berufung auf Daten des Statistischen Bundesamtes berichtet, verfügten Haushalte in den fünf ostdeutschen Ländern und Berlin im vergangenen Jahr im Schnitt über 42.259 Euro netto. In Westdeutschland lag der Wert bei 49.506 Euro. Die Differenz beträgt damit 7.247 Euro pro Haushalt.

In die Berechnung fließen nicht nur Löhne ein. Berücksichtigt werden auch Renten, Pensionen, Mieteinnahmen und Kapitaleinkünfte. Steuern, Sozialbeiträge und regelmäßige private Transfers sind abgezogen. Gerade Vermögens- und Kapitaleinkommen fallen im Westen meist höher aus und verstärken damit den Abstand.

Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt keine Annäherung. Für 2024 wurde eine Lücke von 7.080 Euro ausgewiesen, 2023 lag sie bei 6.979 Euro. Damit wächst der Abstand seit mindestens zwei Jahren. Am unteren Ende der Länderliste steht Sachsen-Anhalt mit durchschnittlich 38.284 Euro verfügbarem Haushaltsnetto. Sachsen folgt mit 39.500 Euro. Bremen liegt als westdeutsches Bundesland ebenfalls weit unten. An der Spitze steht Bayern mit 53.067 Euro, danach folgen Baden-Württemberg und Hessen.

Kaiser fordert sichtbare Repräsentanz

Die Ostbeauftragte Kaiser kritisiert nach einem Bericht der FAZ, dass wirtschaftliche und gesellschaftliche Unterschiede weiterhin stark spürbar sind. Sie verweist auf geringere Einkommen und Vermögen im Osten sowie auf eine schwächere Präsenz Ostdeutscher in Führungsämtern. Aus ihrer Sicht reicht wirtschaftliche Entwicklung allein nicht aus, solange zentrale Positionen überwiegend westdeutsch geprägt bleiben.

Kaiser spricht sich deshalb für ein ostdeutsches Staatsoberhaupt aus, ausdrücklich auch für eine Frau. Beim offiziellen Treffen der Staatsspitzen zum Einheitstag in Bremen falle auf, dass derzeit niemand aus Ostdeutschland zu dieser Runde gehöre. Das könne den Eindruck verstärken, Ostdeutsche seien in der Leitung des Landes kaum beteiligt.

Zugleich betont Kaiser, dass seit 1990 viel entstanden sei. Ostdeutschland sei heute ein Standort für Wissenschaft, Innovation und wirtschaftliche Entwicklung. Viele Menschen hätten sich nach den Umbrüchen der Nachwendezeit Vermögen aufgebaut. Die Erfahrung von Freiheit und offenen Grenzen bleibe für den 3. Oktober prägend, ebenso die Erinnerung an biografische Brüche und existenzielle Unsicherheit nach der Wiedervereinigung.

Wenige Ostdeutsche in Top-Jobs

Auch bei Eliten bleibt der Abstand groß. Der Soziologe Michael Hartmann sagte bei tagesschau24, unter den untersuchten Spitzenpositionen liege der Anteil Ostdeutscher insgesamt bei rund zwölf Prozent. In der Politik sei die Repräsentanz mit etwa 20 Prozent deutlich höher. Ohne Politik und politisch angebundene Verwaltung läge der Anteil in den Spitzenpositionen unter zehn Prozent.

Besonders gering ist der Anteil in der Wirtschaft. Unter mehr als 250 Vorstandsmitgliedern in DAX-Unternehmen findet sich Hartmann zufolge nur eine Person, die in Ostdeutschland aufgewachsen ist. Bei den Vorstandschefs und Aufsichtsratsvorsitzenden der 100 größten Unternehmen gebe es niemanden mit dieser Biografie. In der Bundesjustiz nennt Hartmann nur wenige Richterinnen und Richter, die im Osten groß geworden sind.

Hartmann sieht die Ursache in den Machtwechseln nach 1990. Viele Führungspositionen seien damals mit Westdeutschen besetzt worden. Netzwerke, Auswahlmuster und Karrierebilder seien anschließend über Jahrzehnte westdeutsch geprägt geblieben. Dadurch hätten Ostdeutsche in Wirtschaft und Justiz weiterhin schlechtere Chancen. Er hält Quoten für ein geeignetes Mittel, um Veränderungen zu erzwingen.

Einheit bleibt politischer Auftrag

Die Unterschiede wirken nicht nur in Statistiken. Beim MDR schildern Bürgerinnen und Bürger aus Thüringen und Sachsen ein gemischtes Bild: In Grenzregionen gibt es gewachsene Kontakte und gemeinsame Traditionen, zugleich werden Lohnunterschiede und regionale Abgrenzungen weiter wahrgenommen. In einem MDR-Stimmungsbild zeigt sich zudem Unzufriedenheit mit dem Stand des Zusammenwachsens; Löhne und Wirtschaftskraft gelten vielen als zentrale Hindernisse.

Die Bilanz zum 36. Jahrestag der Wiedervereinigung fällt damit zweigeteilt aus. Politische Freiheit, offene Grenzen und neue Chancen prägen die Einheitsgeschichte. Gleichzeitig zeigen Einkommen, Vermögen und Führungspositionen, dass gleichwertige Teilhabe noch nicht erreicht ist. Die Debatte verlagert sich deshalb vom Rückblick auf die Wiedervereinigung stärker zur Frage, wer im vereinten Deutschland entscheidet und wer am Wohlstand teilhat.