Politik · Wahl in Brasilien
Brasilien entscheidet zwischen Lula und Bolsonaro-Sohn
Brasilien wählt am Sonntag einen Präsidenten in einem Rennen mit großer außenpolitischer Bedeutung. Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva strebt mit 80 Jahren eine weitere Amtszeit an, sein wichtigster Gegner ist Flávio Bolsonaro, Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro. Das Handelsblatt beschreibt die Umfragen vor der Abstimmung als nahezu ausgeglichen. Damit entscheidet sich auch, welchen Kurs das größte Land Südamerikas gegenüber den USA, China und Europa einschlägt.
Enges Duell am Sonntag
Lula tritt als erfahrener Präsident an, der sich auf seine früheren Regierungsjahre und seine aktuellen Erfolge stützt. Die Tagesschau verweist auf niedrige Arbeitslosigkeit, wachsende Exporte und einen Rückgang der Abholzung im Amazonasgebiet. Zugleich ist die wirtschaftliche Stimmung im Land angespannt. Viele Haushalte sind verschuldet, hohe Zinsen belasten Investitionen und Staatsfinanzen. Für 2026 erwartet die OECD laut Tagesschau ein geringeres Wachstum von 2,0 Prozent.
Der Herausforderer steht für die Rückkehr einer politischen Familie, die Brasilien tief geprägt und polarisiert hat. Der Tagesspiegel ordnet seine Kandidatur als erneuten Griff der Bolsonaros nach der Macht ein. Jair Bolsonaro selbst kann nicht antreten; er sitzt dem Bericht zufolge wegen eines Putschversuchs in Haft. Sein Sohn Flávio übernimmt damit die Rolle des aussichtsreichsten rechten Bewerbers.
Lula setzt auf soziale Bilanz
Lula präsentiert sich im Wahlkampf als Politiker, der soziale Aufstiege ermöglicht hat. Der frühere Gewerkschaftsführer verweist auf Programme aus seinen ersten Amtszeiten, mit denen arme Regionen besser versorgt und Millionen Menschen aus Hunger und Armut geholt worden seien. In einer Rede erinnerte er daran, dass seine Regierungen Menschen, die in Dunkelheit gelebt hätten, Zugang zu Zukunft gegeben hätten.
Seine politische Biografie bleibt für viele Anhängerinnen und Anhänger ein zentraler Teil seiner Stärke. Lula stammt aus einer armen Familie, wurde Gewerkschafter im Industriegürtel von São Paulo und stieg bis ins Präsidentenamt auf. In den 2000er-Jahren verband er Sozialprogramme mit einer wirtschaftsfreundlichen Linie. Brasilien profitierte damals auch von einer starken internationalen Nachfrage nach Rohstoffen.
Doch diese Erzählung trägt nicht mehr überall. Der Historiker Lincoln Secco sagte der Tagesschau, Lulas Sozialpolitik habe zwar viel bewirkt, stoße inzwischen aber an Grenzen. Beschäftigte, die einst sozial aufgestiegen seien, landeten heute teils in unsicheren und schlecht bezahlten Jobs. Viele Menschen hätten das Gefühl, nicht ausreichend von der wirtschaftlichen Entwicklung zu profitieren.
Außenpolitik als Richtungsfrage
Über Brasilien hinaus wird die Wahl aufmerksam verfolgt. Lula steht für eine eigenständige Außenpolitik, die Brasilien als Stimme des Globalen Südens positionieren soll. Auf der UN-Generalversammlung sagte er Ende September mit Blick auf die USA: „Wir passen in niemandes Hinterhof.“ Das Land gehört zur BRICS-Gruppe, China ist sein wichtigster Handelspartner, zugleich ist das Mercosur-Abkommen mit der Europäischen Union geschlossen worden.
Für Europa bleibt Brasilien unter Lula ein wichtiger Ansprechpartner bei Handel, Klima und internationaler Ordnung. Zugleich sorgten seine Positionen zur Ukraine und zum Nahost-Konflikt in Europa für Kritik. Auch seine Vermittlungsversuche in Venezuela blieben erfolglos. Der außenpolitische Journalist Marcelo Lins vom Globo-Konzern sagte der Tagesschau, Brasilien sei besonders bei Demokratie, regelbasierter Ordnung, Klimaschutz und Handelsbeziehungen bedeutsam.
Flávio Bolsonaro steht dagegen für eine stärkere Nähe zur politischen Rechten in den USA. Das Handelsblatt sieht in der Wahl eine Entscheidung darüber, wie Brasilien sich zwischen Washington, Peking und Europa aufstellt. In einem Lateinamerika, in dem zuletzt mehrere rechte und Trump-nahe Kräfte erfolgreich waren, hätte ein Sieg Bolsonaros Signalwirkung.
Ein gespaltenes Land
Der Wahlkampf knüpft an eine lange brasilianische Konfliktlinie an. Lula hat hohe Zustimmung, stößt aber zugleich auf starke Ablehnung. Frühere Korruptionsvorwürfe belasten ihn politisch weiter, obwohl ein Urteil gegen ihn wegen Befangenheit der beteiligten Richter aufgehoben wurde. Für seine Gegner bleibt der Vorwurf dennoch ein zentrales Angriffsmotiv.
Für Lula wäre ein Sieg eine historische vierte Amtszeit. Für die Bolsonaros ginge es um die Rückkehr ins Präsidentenamt über die nächste Generation. Das knappe Rennen zeigt, wie stark Brasilien zwischen sozialstaatlicher Kontinuität, rechter Mobilisierung und außenpolitischer Neuorientierung gespalten ist.