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Stündlich aktualisiert

Politik · Gedenken an 7. Oktober

Berliner Gedenken rückt Antisemitismus ins Zentrum

In Berlin haben Kirchen und jüdische Gemeinde an den Hamas-Angriff vom 7. Oktober erinnert. Redner warnten vor Judenhass und einer verhärteten Debatte.

Presseonline-Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Symbolbild: Kerzen in einer Kirche stehen für das Gedenken an die Opfer des 7. Oktober.
Symbolbild: Kerzen in einer Kirche stehen für das Gedenken an die Opfer des 7. Oktober. KI-generiert

Der Jahrestag des Hamas-Angriffs auf Israel hat in Berlin ein deutlich politisches Gedenken ausgelöst. In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche erinnerten christliche, jüdische und muslimische Vertreter an die Opfer des 7. Oktober 2023. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) verband das Gedenken mit einer scharfen Warnung vor Antisemitismus in Deutschland. Der Streit über Israel, Gaza und deutsche Verantwortung zeigt zugleich, wie angespannt die öffentliche Debatte drei Jahre nach dem Angriff bleibt.

Gemeinsames Gebet in Berlin

Der Gedenkgottesdienst fand am Mittwochabend in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche statt. Geleitet wurde er vom evangelischen Landesbischof Christian Stäblein, dem katholischen Berliner Erzbischof Heiner Koch und dem Rabbiner Andreas Nachama. Der muslimische Imam Kadir Sanci sprach ebenfalls ein Gebet.

Woidke sagte laut Tagesspiegel in einem frei gehaltenen Grußwort, ihn belaste weiterhin, dass nach dem Terrorangriff der Hamas Menschen in Berlin den Tod von Jüdinnen und Juden bejubelt hätten. Den 7. Oktober bezeichnete er als „Zeitenwende im negativen Sinne“. Der Tag stehe auch dafür, dass viele jüdische Menschen ihren Glauben öffentlich nicht mehr zeigen wollten oder über einen Wegzug aus Deutschland nachdächten.

Der SPD-Politiker betonte zugleich, jüdisches Leben gehöre zu Deutschland. Er stellte dies neben die Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland und rief dazu auf, Sicherheit für Menschen aller Glaubensrichtungen einzufordern. An dem Gottesdienst nahmen mehrere hundert Menschen teil.

Warnungen vor Judenhass

Landesbischof Stäblein verurteilte Antisemitismus im Gottesdienst als religiöses und gesellschaftliches Versagen. Er nannte Judenhass eine Sünde und ein Verbrechen. Es sei nicht hinnehmbar, wenn Antisemitismus öffentlich auftrete und gewaltförmig werde, sagte er. Widerstand dagegen müsse sich gegen alle Erscheinungsformen richten, unabhängig davon, ob sie von links, rechts, religiös oder säkular begründet würden.

Auch die Berliner Parlamentspräsidentin Cornelia Seibeld (CDU) stellte den Schutz jüdischen Lebens in den Mittelpunkt. Die Verantwortung des Abgeordnetenhauses dürfe nicht von wechselnden Mehrheiten abhängen, sagte sie. Der Schutz jüdischer Menschen könne nicht davon abhängen, wer in Regierung oder Opposition sitze. Damit bezog sie sich auf die Berliner Debatte über Antisemitismusvorwürfe im Umfeld der Linkspartei.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, begrüßte die klaren Worte der beiden Bischöfe. Die Verantwortung für den Angriff vom 7. Oktober und seine Folgen liege bei der Hamas, sagte er. Die Behauptung, Israel begehe einen Völkermord, bezeichnete er als Verhöhnung der Opfer.

Eine Debatte ohne einfachen Konsens

Der 7. Oktober 2023 ist in Israel und für jüdische Gemeinschaften weltweit ein Einschnitt. Bei dem Angriff der Hamas wurden nach Angaben aus der Berliner Gedenkveranstaltung 1.200 Menschen ermordet; Hunderte wurden verschleppt. Am folgenden Tag begann der Krieg in Gaza. Seither prägen zugleich das Trauma in Israel, das Schicksal der Geiseln und das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung die Auseinandersetzung.

In der Tagesspiegel-Community zeigte sich zum Jahrestag eine starke Spannung zwischen Solidarität, Kritik und Ratlosigkeit. Leserinnen und Leser verurteilten den Terror der Hamas, kritisierten aber auch die Politik der israelischen Regierung. Mehrere Stimmen wandten sich gegen pauschale Schuldzuweisungen an Palästinenserinnen und Palästinenser oder Israelis.

Eine Nutzerin beschrieb ihre Haltung als Schwanken zwischen Empörung, Mitgefühl und Entsetzen. Sie verurteile die Hamas und die Politik Benjamin Netanjahus gleichermaßen und forderte, für alle Menschen in der Region Lebensmöglichkeiten zu suchen. Andere Stimmen betonten die besondere deutsche Verantwortung für jüdische Sicherheit oder warnten davor, eine ganze Bevölkerung in Gaza kollektiv haftbar zu machen.

Jahrestag mit politischer Schärfe

Das Berliner Gedenken zeigt, dass die Erinnerung an den 7. Oktober längst nicht nur rückwärtsgewandt ist. Sie berührt Sicherheitsfragen jüdischen Lebens in Deutschland, den Umgang mit Protesten und Parolen im öffentlichen Raum sowie die Grenzen legitimer Kritik an israelischer Politik.

Besonders in Berlin verdichten sich diese Konflikte. Die Stadt ist Ort jüdischen Lebens, politischer Kundgebungen und parlamentarischer Auseinandersetzungen. Der Gottesdienst setzte ein interreligiöses Zeichen gegen Antisemitismus. Zugleich machte er deutlich, wie hart die Debatte um Israel-Solidarität, Gaza und deutsche Verantwortung geführt wird.