Politik · Cyberabwehr
Berlin und London bauen gemeinsame Cyberabwehr aus
Deutschland und Großbritannien rücken in der Sicherheitspolitik enger zusammen. Beim Antrittsbesuch des britischen Premiers Andy Burnham bei Bundeskanzler Friedrich Merz in Berlin steht eine neue Zusammenarbeit gegen Cyberattacken, Sabotage und hybride Bedrohungen im Mittelpunkt. Zugleich setzen beide Regierungschefs den deutsch-britischen Freundschaftsvertrag, den Kensington-Vertrag, offiziell in Kraft.
Neue Partnerschaft gegen hybride Angriffe
Die britische Regierung kündigte zum Treffen in Berlin eine engere sicherheitspolitische Abstimmung an, wie die Tagesschau unter Berufung auf Downing Street berichtet. Im Zentrum steht demnach eine gemeinsame Linie gegen Angriffe, die nicht nur militärisch, sondern auch digital, wirtschaftlich oder gesellschaftlich wirken können.
Downing Street sprach laut Tagesschau von einer „Partnerschaft zur Abwehr hybrider Bedrohungen“. Gemeint sind unter anderem Cyberangriffe, Sabotageversuche und weitere verdeckte Einflussnahmen. Als besonderer Faktor wird Russland genannt. Beide Staaten wollen Informationen schneller austauschen und ihre Maßnahmen bei Beobachtung, Abschreckung und Störung feindlicher Aktivitäten besser aufeinander abstimmen.
Burnham betont die unmittelbare Wirkung solcher Angriffe. Das Handelsblatt zitierte ihn mit der Einschätzung, Attacken auf Infrastruktur, Unternehmen und demokratische Institutionen seien „keine ferne Bedrohung“. Sie beträfen den Alltag der Menschen, auch in Wohnungen und an Arbeitsplätzen. Ziel solcher Aktionen sei es, Gesellschaften zu schwächen und zu spalten.
Kensington-Vertrag tritt in Kraft
Neben der Cyberkooperation steht der Kensington-Vertrag im Zentrum des Besuchs. Merz und Burnham tauschen in Berlin die Ratifikationsurkunden aus. Damit wird der deutsch-britische Freundschaftsvertrag wirksam, der 2025 unterzeichnet wurde. Er soll die Beziehungen beider Länder nach dem Brexit neu ordnen.
Das 27 Seiten umfassende Abkommen wurde im Juli 2025 beim ersten Besuch von Merz als Kanzler in Großbritannien unterschrieben. Auf britischer Seite setzte damals noch Burnhams Vorgänger Keir Starmer seine Unterschrift darunter. Ergänzt wird der Vertrag durch einen Aktionsplan mit 17 Punkten. Er betrifft unter anderem Wissenschaft, Technologie, Verteidigung, Sicherheit und wirtschaftliches Wachstum.
Deutschlandfunk nennt weitere Bereiche, in denen Berlin und London enger zusammenarbeiten wollen. Dazu gehören Verteidigung und Wirtschaftspolitik, der Umgang mit irregulärer Migration sowie die Bekämpfung grenzüberschreitender Kriminalität. Vorgesehen sind auch konkrete Erleichterungen im Reiseverkehr. Genannt werden visafreie Klassenfahrten sowie eine direkte Bahnverbindung zwischen Deutschland und Großbritannien.
Brexit-Debatte bleibt Teil des Hintergrunds
Der Besuch findet in einer Phase statt, in der Burnham die künftige britische Europapolitik wieder stärker in die Diskussion gebracht hat. Er hatte zuletzt als erster britischer Regierungschef seit dem EU-Austritt offen über Optionen gesprochen, die bis zu einer Rückkehr in die Europäische Union reichen. Als Möglichkeiten nannte er neben dem bisherigen Kurs auch eine Zollunion oder eine Rückkehr in den Binnenmarkt.
Auf einem Parteitag seiner Labour-Partei hatte Burnham den Brexit deutlich kritisiert. Die Bundesregierung reagierte offen auf solche Überlegungen. Ein Regierungssprecher betonte, zunächst müsse Großbritannien selbst entscheiden, ob es einen neuen Anlauf in Richtung EU-Mitgliedschaft unternehmen wolle. Sollte London diesen Weg wählen, werde dies nicht an der Europäischen Union scheitern. Zugleich gilt ein solcher Prozess als weitreichend und langwierig.
Auch wirtschaftlich bleiben beide Länder eng verbunden. Nach britischen Angaben ist Deutschland der zweitgrößte Handelspartner des Vereinigten Königreichs. Der Beitrag zur britischen Wirtschaft wird mit rund 155 Milliarden Pfund angegeben, umgerechnet etwa 183 Milliarden Euro. Der Ausbau der Cyberabwehr fügt sich damit in eine breitere Neuausrichtung der Beziehungen ein, die Sicherheit, Handel und europapolitische Fragen miteinander verbindet.