Panorama · Gewalt an Schulen
Polen verstärkt Kontrollen nach Messerangriffen
In Polen reagiert die Regierung auf drei Messerangriffe an Schulen innerhalb weniger Tage mit verstärkten Polizeikontrollen. Eine Hausmeisterin wurde getötet, mehrere Menschen wurden verletzt. Die Polizei nahm landesweit 117 Personen fest und überprüfte 67.000 Schulen. Spezialisten für Cyberkriminalität untersuchen zudem, ob ein Trend in sozialen Netzwerken eine Rolle gespielt haben könnte.
Angriff in Warschauer Berufsfachschule
Der jüngste Vorfall ereignete sich am Samstag in einer privaten Berufsfachschule im Warschauer Stadtteil Praga. Eine 21 Jahre alte Frau griff im Sekretariat drei junge Frauen mit einem Messer an. Die Betroffenen wollten dort Unterlagen abgeben.
Eine 17-jährige Schülerin kam mit Schnittverletzungen an den Unterarmen in ein Krankenhaus. Zwei weitere junge Frauen im Alter von 17 und 24 Jahren wurden am Ort versorgt. Ein Schulmitarbeiter nahm der Angreiferin das Messer ab und übergab sie anschließend der Polizei.
Ein Polizeisprecher sagte laut Tagesspiegel, Einsatzkräfte seien vier Minuten nach dem Alarm eingetroffen. Das Motiv blieb zunächst offen. Die Verdächtige und die Opfer kannten einander demnach nicht. Eine Sprecherin des privaten Schulträgers sagte dem Portal Onet, die Frau sei erst seit einem Monat an der Schule angemeldet gewesen.
Drei Taten binnen weniger Tage
Der Angriff in Warschau war der dritte Messerfall an einer polnischen Schule in kurzer Zeit. Am Donnerstag wurde in Leszczydol-Nowiny, rund 70 Kilometer nordöstlich von Warschau, eine Hausmeisterin bei einem Angriff getötet. Tatverdächtig ist ein 15-Jähriger. Zwei weitere Menschen wurden verletzt.
Bereits am Mittwoch hatte es in Ostroleka, knapp 100 Kilometer nördlich von Warschau, einen weiteren Angriff gegeben. Dort verletzte ein 19-Jähriger an einer Berufsschule neun Menschen mit einem Messer. Zwei von ihnen wurden schwer verletzt.
Die Polizei sieht bislang keinen belegten Zusammenhang zwischen dem jüngsten Fall in Warschau und den beiden früheren Angriffen. Auch Hinweise auf eine koordinierte Gruppe gibt es nach Angaben der Regierung nicht. Regierungschef Donald Tusk sagte am Sonntag vor einer Sondersitzung mit Innenminister, Polizei und Geheimdienstvertretern, es gebe keine „großangelegte, organisierte Gruppe“. Er sprach von spontanen Taten und verwies auf eine zunehmende Anziehungskraft von Gewalt auf junge Menschen.
Ermittler prüfen soziale Netzwerke
Innenminister Marcin Kierwinski erklärte, unter den 117 Festgenommenen seien überwiegend Jugendliche zwischen 13 und 19 Jahren. Sie seien zuvor in sozialen Netzwerken aufgefallen. Nach Angaben von n-tv prüfen Cybercrime-Spezialisten auch, ob eine sogenannte Challenge im Internet als Auslöser infrage kommt. Konkrete Hinweise darauf wurden zunächst nicht bestätigt.
Kierwinski beschrieb drei Gruppen, auf die die Sicherheitsbehörden derzeit besonders achten. Zur ersten zählten Personen mit einer erkennbaren Nähe zu Gewalt und nationalsozialistischer Ideologie. In einer zweiten Gruppe sieht die Polizei Jugendliche, bei denen Computerspiele nach Einschätzung der Ermittler eine Rolle bei Gewaltbereitschaft spielen könnten. Eine dritte Gruppe bestehe aus Jugendlichen, die erst durch die Aufmerksamkeit für die Messerangriffe aktiv würden.
Der Innenminister sagte über diese dritte Gruppe, einige kämen mit ihren Eltern zur Polizei und erklärten, es sei „nur ein Witz“ gewesen. Damit machte Kierwinski deutlich, dass die Behörden auch Drohungen und Ankündigungen im Netz ernst nehmen.
Politik setzt auf Präsenz
Die Fälle haben in Polen eine Debatte über Sicherheit an Schulen ausgelöst. Tusk kündigte an, die Polizeikontrollen in der kommenden Woche fortzusetzen. Die Regierung will damit verhindern, dass weitere Drohungen in Taten münden oder die öffentliche Aufmerksamkeit Nachahmer ermutigt.
Die Sicherheitsbehörden konzentrieren sich dabei sowohl auf Schulen als auch auf Aktivitäten junger Menschen im Internet. Die schnelle Reaktion auf den Angriff in Warschau und die große Zahl kontrollierter Einrichtungen zeigen, dass die Serie als neue Lage für den Schulalltag bewertet wird. Zugleich betont die Polizei, dass sie bisher keinen direkten Zusammenhang zwischen den einzelnen Taten festgestellt hat.