Panorama · Angriff auf Kühlanlagen
Cyberattacke trifft 700 Supermärkte in Frankreich
In Frankreich sind am Wochenende rund 700 Supermärkte verschiedener Ketten von einer koordinierten Cyberattacke auf Kühlanlagen betroffen gewesen. Unbekannte Angreifer drangen nach Regierungsangaben in Steuerungen der Kältetechnik ein und aktivierten eine Abtaufunktion. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik warnt deshalb auch in Deutschland vor vergleichbaren Risiken bei vernetzten Anlagen, wie der Spiegel berichtet.
Kühlanlagen heizten stark auf
Die Attacke traf zentrale Technik im laufenden Betrieb der Märkte. In der Nacht auf Montag sollen betroffene Anlagen Temperaturen von bis zu 50 Grad erreicht haben. Dadurch wurden in mehreren Fällen Feueralarme ausgelöst. Viele Lebensmittel aus Kühlabteilungen können nach dem Temperaturanstieg nicht mehr verkauft werden und müssen entsorgt werden.
Akute Versorgungsprobleme mit Lebensmitteln wurden nicht gemeldet. Der wirtschaftliche Schaden dürfte für die betroffenen Handelsunternehmen dennoch erheblich sein, weil Kühlware besonders schnell unbrauchbar wird und Märkte bei gestörter Kältetechnik einzelne Bereiche sperren müssen.
Frankreichs Finanzminister Roland Lescure bezeichnete den Vorfall laut Spiegel als „Weckruf für alle“. Die Formulierung verweist auf die Bedeutung digitaler Steuerungen in Bereichen, die im Alltag oft nicht als besonders gefährdet wahrgenommen werden. Kühlung, Heizung, Zutrittssysteme oder Beleuchtung sind in vielen Gebäuden inzwischen aus der Ferne erreichbar und damit auch ein mögliches Ziel für Angriffe.
Schwachstellen bei Fernzugängen
Nach bisherigen Erkenntnissen nutzten die Angreifer Sicherheitslücken in Steuerungssystemen von Kühlanlagen. Genannt werden Technik des dänischen Herstellers Danfoss und des US-Unternehmens Copeland. Eine Rolle spielte demnach auch ein Fernzugang, der Wartungstechnikern zeitweise Zugriff auf Anlagen ermöglichen sollte.
Sicherheitsforscher konnten das dafür nötige Passwort offenbar mit geringem Aufwand ermitteln. Danfoss hatte nach Bekanntwerden der Schwachstellen ein Update bereitgestellt. Dieses war aber offenbar nicht überall installiert. Viele der später betroffenen Systeme waren weiterhin direkt über das Internet erreichbar.
Danfoss erklärte dem Spiegel zufolge, Kunden würden seit längerer Zeit aufgefordert, unterstützte Systeme mit aktueller Firmware zu betreiben und durch Firewalls zu schützen. Copeland verwies darauf, dass es sich bei den betroffenen Anlagen um ältere Systeme gehandelt habe.
BSI sieht Risiko auch für Deutschland
Die deutsche Cybersicherheitsbehörde stuft den Vorfall als Warnsignal ein. BSI-Präsidentin Claudia Plattner erklärte, Angriffe dieser Art könnten den Alltag spürbar beeinträchtigen. Sie warnte zudem vor Nachahmern und davor, dass ein ähnlicher Angriff auch andere Länder treffen könne.
Für deutsche Einzelhändler sind bislang keine entsprechenden Attacken bekannt. Das teilte der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels mit. Das BSI rät Betreibern dennoch, Steuerungsanlagen nicht direkt aus dem Internet erreichbar zu machen. Zugriffe sollten über zusätzliche Sicherheitsmechanismen geschützt werden, etwa durch Multifaktor-Authentifizierung. Außerdem sollen verfügbare Sicherheitsupdates schnell eingespielt werden.
Die Empfehlungen richten sich nicht nur an Supermärkte. Vernetzte Steuerungen werden in vielen Betrieben eingesetzt, oft über Jahre hinweg. Werden Wartungszugänge, alte Passwörter oder ungepatchte Systeme nicht kontrolliert, können sie zur Schwachstelle werden. Der Fall in Frankreich zeigt, dass ein digitaler Eingriff sehr konkrete Folgen in Verkaufsräumen haben kann.
Weitere IT-Störung im Handel
Parallel kämpft der niederländische Handelskonzern Ahold Delhaize mit einer IT-Attacke. Ein Zusammenhang mit den französischen Vorfällen wird derzeit nicht angenommen. Betroffen sind unter anderem Supermärkte in den Niederlanden und Belgien sowie mehrere Handelsmarken in den USA.
Kundinnen und Kunden können dort weiter einkaufen. Einige digitale Dienste funktionieren jedoch nicht wie gewohnt, darunter Rabattsysteme und Anzeigen für aktuelle Angebote. Auch dieser Fall macht deutlich, wie abhängig der Einzelhandel von stabilen IT-Strukturen geworden ist. Fällt digitale Infrastruktur aus, trifft das nicht nur Kassen- und Warenwirtschaftssysteme, sondern zunehmend auch technische Anlagen im Hintergrund.