Lebensmittel · Lebensmittelhandel
Cyberangriff trifft Hunderte Supermärkte in Frankreich
Ein Cyberangriff hat in Frankreich Kühltechnik in zahlreichen Supermärkten lahmgelegt und gefährdet große Mengen verderblicher Ware. Betroffen sind nach Angaben von Handelsunternehmen Filialen mehrerer Ketten im ganzen Land. Der Deutschlandfunk berichtet von fast 300 Märkten der Gruppen Intermarché und U sowie einzelnen weiteren Standorten. Die Pariser Staatsanwaltschaft stuft den Fall als groß angelegte Attacke ein; eine Einheit für Cyberkriminalität ermittelt.
Kühlgeräte wechselten in den Abtaubetrieb
Der Angriff richtete sich nach Angaben eines Sprechers der Handelsgruppe Les Mousquetaires gegen Systeme, die in Märkten zur Steuerung von Kühl- und Tiefkühlanlagen genutzt werden. In der Nacht auf Montag seien Kühlmöbel aus der Ferne in einen Abtaumodus versetzt worden, berichtete der Tagesspiegel unter Berufung auf dpa. Zur Gruppe Les Mousquetaires gehören unter anderem Intermarché und Netto.
Für diesen Konzern ist von rund 150 betroffenen Geschäften in Frankreich die Rede. Carrefour nannte demnach vor allem 80 Supermärkte, bei insgesamt etwa 6.000 Standorten. Auch Coopérative U bestätigte Störungen in mehreren Märkten. Deren Chef Dominique Schelcher bezeichnete den Vorfall auf X als „beispiellos“ und „inakzeptabel“.
Die Störung traf damit nicht nur einzelne Filialen, sondern Teile der Kühlkette verschiedener Handelsunternehmen. Bei Lebensmitteln, die dauerhaft gekühlt oder tiefgefroren werden müssen, kann bereits eine längere Unterbrechung ausreichen, damit sie nicht mehr verkauft werden dürfen.
Viele Waren werden vernichtet
Mehrere Händler rechnen damit, dass große Mengen an Produkten aussortiert werden müssen. Les Mousquetaires erklärte, zahlreiche Artikel müssten entsorgt werden. Auch der Deutschlandfunk meldete, dass gekühlte und gefrorene Ware nach dem Angriff vernichtet werde. Die genaue Schadenshöhe steht noch nicht fest.
In den Filialen geht es dabei um besonders empfindliche Sortimente: Tiefkühlkost, Molkereiprodukte, Fleisch, Fisch und weitere Frischeartikel sind auf stabile Temperaturen angewiesen. Werden Kühlanlagen unbemerkt umgestellt oder fallen sie aus, müssen die Betreiber prüfen, ob die vorgeschriebenen Temperaturen eingehalten wurden. Ist das nicht gesichert, bleibt nur die Entsorgung.
Nach Angaben von Coopérative U arbeiteten Beschäftigte gemeinsam mit Kältetechnikerinnen und Kältetechnikern daran, die Anlagen wieder in den Normalbetrieb zu bringen. Ziel ist, die Versorgung in den Märkten wieder zu stabilisieren und weitere Verluste zu verhindern.
Technikdienstleister im Fokus
Als technischer Bezugspunkt des Angriffs gilt der dänische Dienstleister Danfoss. Ein Sprecher von Les Mousquetaires erklärte, der Angriff habe sich gegen diesen Anbieter gerichtet, mit dessen Technik verschiedene Lebensmittelhändler arbeiten. Danfoss teilte mit, man kenne die Vorfälle in Frankreich. Betroffen sei „eine begrenzte Anzahl Kühlsysteme“; überwiegend gehe es um ältere Produkte. Das Unternehmen erklärte außerdem, die Lage ernst zu nehmen.
Die Ermittlungen liegen bei der Cyberabteilung der Pariser Staatsanwaltschaft. Sie soll erfassen, welche Unternehmen geschädigt wurden und welche Schäden mit dem Angriff zusammenhängen. Nach Angaben der Ermittler wurden auch Brände gemeldet. Weitere Details zu Ursache, Tätern oder möglicher Erpressung wurden nicht genannt.
Angriff auf die Kühlkette
Der Fall zeigt, wie verletzlich digital gesteuerte Infrastruktur im Lebensmittelhandel sein kann. Moderne Supermärkte nutzen vernetzte Systeme, um Temperaturen zu überwachen, Energieverbrauch zu steuern und technische Störungen schnell zu erkennen. Werden solche Systeme manipuliert, betrifft das nicht nur IT-Abteilungen, sondern unmittelbar die Lebensmittelsicherheit und den Warenbestand.
Für die Händler kommt hinzu, dass Kühlware zeitkritisch ist. Anders als bei vielen anderen Waren lassen sich Ausfälle kaum nachholen. Wenn Temperaturen nicht mehr nachvollziehbar im sicheren Bereich lagen, können Produkte nicht einfach erneut eingefroren oder weiterverkauft werden. Deshalb führt ein technischer Angriff hier schnell zu wirtschaftlichen Schäden und Lebensmittelverlusten.
Die Dimension hat sich gegenüber ersten Meldungen deutlich ausgeweitet: Es geht inzwischen um Hunderte Märkte und mehrere Handelsgruppen in ganz Frankreich. Damit wird der Vorfall zu einem der auffälligsten Cyberangriffe auf die Lebensmittelversorgung des Landes in jüngerer Zeit.