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Stündlich aktualisiert

Kultur · Frankfurter Buchmesse

Gisèle Pelicot prägt Debatte in Frankfurt

Gisèle Pelicot spricht auf der Frankfurter Buchmesse über Öffentlichkeit, Scham und ihr Weiterleben nach dem Prozess gegen ihren Ex-Mann.

Presseonline-Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Symbolbild: Eine leere Bühne mit Büchern steht für Debatten auf der Frankfurter Buchmesse.
Symbolbild: Eine leere Bühne mit Büchern steht für Debatten auf der Frankfurter Buchmesse. KI-generiert

Gisèle Pelicot hat auf der Frankfurter Buchmesse über ihren öffentlichen Kampf gegen sexuelle Gewalt gesprochen. Die 73-jährige Französin machte deutlich, dass sie die Scham nicht bei den Opfern sieht, sondern bei den Tätern. Ihr Auftritt wurde zu einem der vielbeachteten Momente der Messe. Zugleich rückt in Frankfurt die Frage in den Vordergrund, welche Rolle Literatur, Öffentlichkeit und Kulturpolitik in gesellschaftlichen Konflikten spielen.

Pelicot spricht über den Prozess

Pelicot wurde in Frankreich zu einer Symbolfigur, weil sie im Verfahren gegen ihren früheren Ehemann keine Abschirmung vor der Öffentlichkeit wollte. Ihre Entscheidung machte den Fall international bekannt. Auf der Buchmesse erläuterte sie laut FAZ, sie habe verhindern wollen, dass ausgerechnet sie sich im Gerichtssaal schäme. Ihr zentraler Satz lautete: „nicht das Opfer sich schämen soll“.

Ihr früherer Mann hatte sie über fast zehn Jahre hinweg immer wieder betäubt, missbraucht und anderen Männern zur Vergewaltigung ausgeliefert. 2024 erhielt er eine Freiheitsstrafe von 20 Jahren. Gegen 50 weitere Angeklagte verhängte das Gericht Haftstrafen zwischen 3 und 15 Jahren, viele von ihnen waren wegen schwerer Vergewaltigung angeklagt.

In Frankfurt sagte Pelicot auch, sie wolle ihren Ex-Mann eines Tages wiedersehen. Sie rechne zwar nicht sicher mit Erklärungen oder Antworten, doch ein solches Treffen gehöre zu ihrem eigenen Weg. Ein Gespräch zu zweit habe es seit Jahren nicht gegeben.

Ein Auftritt zwischen Schmerz und Selbstbehauptung

Pelicot schilderte, wie sehr die Taten ihr Leben ausgelöscht hätten. Sie habe über lange Zeit Zustände erlebt, in denen sie kaum bei Bewusstsein gewesen sei. In Frankfurt sagte sie: „Ich musste mir dieses Leben zurückerobern.“ Der Satz fasst den Kern ihres Auftritts zusammen: Es ging nicht nur um das Verbrechen, sondern auch um die Wiederaneignung des eigenen Lebens.

Der Tagesspiegel berichtete unter Berufung auf dpa, Pelicot habe auch über Aufnahmen der Taten gesprochen. Sie habe diese Videos zunächst nicht ansehen können. Was sie später gesehen habe, nannte sie „barbarisch“. Sie habe die Frau auf den Bildern kaum mit sich selbst verbinden können.

Trotz dieser Erfahrungen sprach Pelicot auch über Vertrauen und Liebe. Sie berichtete, sie habe wieder einen Partner gefunden. Zugleich bleibe sie vorsichtig. Ihre Memoiren mit dem Titel „Eine Hymne an das Leben“ erschienen im Februar. Der Auftritt in Frankfurt knüpfte daran an: Pelicot präsentierte sich nicht nur als Opfer eines schweren Verbrechens, sondern als Frau, die ihre Stimme politisch und persönlich nutzt.

Appell an Erziehung und Gesellschaft

Pelicot verband ihre persönliche Geschichte mit einer gesellschaftlichen Diagnose. Mit Blick auf aktuelle Missbrauchsfälle, auch an der US-Universität Cornell, sprach sie von einer weiterhin männlich geprägten Gesellschaft. Frauen müssten mehr Macht übernehmen und weniger Angst haben, sagte sie sinngemäß.

Besonders wichtig sei frühe Erziehung. Jungen müssten lernen, Frauen nicht als Objekte zu betrachten. Pelicot formulierte damit eine Forderung, die weit über ihren eigenen Fall hinausweist. Ihr Auftritt auf der Buchmesse zeigte, wie stark Literatur und öffentliche Erinnerung in politische Debatten hineinwirken können.

Kulturpolitik als weiteres Streitthema

Neben solchen gesellschaftlichen Fragen steht auch die Kulturförderung in Deutschland unter Beobachtung. Die Grünen fordern ein transparentes und an klaren Kriterien orientiertes Fördersystem für Buchpreise. Deutschlandfunk meldete dazu, die Partei wolle Kunstfreiheit und Distanz des Staates zu Juryentscheidungen besser absichern.

Ausgangspunkt ist der Streit um den Deutschen Buchhandlungspreis 2025. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte drei von einer Jury ausgewählte Buchhandlungen ausgeschlossen und sich dabei auf Erkenntnisse des Verfassungsschutzes berufen. Öffentlich wurden die Vorwürfe gegen die betroffenen Buchhandlungen nicht bekannt. Gegen die Entscheidung laufen Gerichtsverfahren.

Der Fall berührt eine Grundfrage, die zur Buchmesse passt: Wer entscheidet über Sichtbarkeit, Auszeichnung und Anerkennung im Literaturbetrieb? Pelicots Auftritt zeigt die Macht öffentlicher Erzählungen. Die Debatte um Buchpreise zeigt, wie sensibel der Kulturbereich auf staatliche Eingriffe reagiert.