Kultur · Buchmesse in Frankfurt
Frankfurter Buchmesse startet mit Streit über KI
Die Frankfurter Buchmesse beginnt an diesem Mittwoch mit einer Debatte über Künstliche Intelligenz, Urheberrecht und die Zukunft des Buchmarkts. Schon bei der Eröffnung am Dienstagabend standen Forderungen der Branche nach klareren Regeln für KI-Anbieter im Mittelpunkt. Die Tagesschau meldete den Auftakt der 78. Ausgabe der Messe, die zunächst dem Fachpublikum vorbehalten ist und am Freitag für alle Besucherinnen und Besucher öffnet.
Verlage fordern Regeln für KI
Im Zentrum steht der sogenannte Frankfurter Appell. Er richtet sich an Bundesregierung, EU-Kommission und Europäisches Parlament. Mehr als 120 Verlage unterstützen die Forderung, KI-Unternehmen stärker in die Pflicht zu nehmen. Sie verlangen unter anderem, dass Anbieter generativer KI offenlegen, mit welchen Werken ihre Systeme trainiert wurden. Außerdem soll ein Lizenzmodell entstehen, das Autorinnen, Autoren und Verlagen eine faire Beteiligung ermöglicht.
Der neue Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, machte zum Auftakt Druck auf die Politik. Der FAZ zufolge sagte er, die Branche brauche ein „schnelles und entschiedenes Eingreifen der Politik“. Viele kleinere Verlage könnten langwierige und teure Verfahren gegen große Technologieunternehmen nicht führen. Zudem sei es schwer, mögliche Verstöße nachzuweisen, solange die Trainingsdaten nicht transparent seien.
Auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer stellte sich bei der Eröffnungsfeier auf die Seite der Buchbranche. Er sprach sich für einen besseren Schutz geistigen Eigentums aus und forderte ein Vorgehen gegen die Macht großer Plattformen. EU-Kulturkommissar Glenn Micaleff unterstützte ebenfalls die Forderung nach fairer Vergütung, wenn urheberrechtlich geschützte Inhalte für KI-Systeme genutzt werden.
Warnungen vor Folgen für Demokratie und Bildung
Die Debatte reichte über wirtschaftliche Interessen hinaus. Die amerikanische Historikerin Jill Lepore warnte bei der Eröffnung vor einer Entwicklung, bei der Wissen aus Büchern in den Händen weniger Technologieunternehmen liege. Sie sieht darin eine Gefahr für demokratische Gesellschaften, wenn Maschinen Lesen, Schreiben und Denken zunehmend übernehmen.
Guggolz verband die KI-Frage mit Sorgen um die Lesekompetenz. Er verwies auf schwache Werte bei 15-Jährigen und warnte, wer Texte nicht sicher verstehe, könne auch Antworten von KI-Systemen nicht zuverlässig prüfen. In der Branche wächst zudem die Sorge vor automatisch erzeugten Büchern, besonders in Bereichen wie Ratgeberliteratur und Reiseführern.
Kurz vor der Messe kündigten 18 Kinder- und Jugendbuchverlage ein neues Transparenzlabel an. Es soll am Freitag vorgestellt werden und Bücher kennzeichnen, deren Texte, Illustrationen und Gestaltung von Menschen stammen und redaktionell geprüft wurden. Der Einsatz von KI als Hilfsmittel in Analyse, Recherche oder Arbeitsabläufen wird dadurch nicht grundsätzlich ausgeschlossen.
Tschechien als Ehrengast
Gastland der diesjährigen Buchmesse ist Tschechien. Bis zum Ende der Messe präsentieren sich 75 Autorinnen und Autoren aus der Tschechischen Republik auf dem Messegelände und in der Stadt. Die Eröffnung verlief allerdings nicht ohne Störungen. Als der tschechische Kulturminister Oto Klempíř zu sehen war, kam es zu Zwischenrufen aus Teilen des Publikums. In der tschechischen Literaturszene gibt es Streit über den Politiker der rechtspopulistischen Autofahrerpartei.
Die Schriftstellerin Radka Denemarková hielt ihre Rede auf Deutsch. Sie stellte die Bedeutung freier Literatur und offener Demokratien heraus. Laut FAZ sagte sie: „Die Staatsminister für Kultur, die die Literatur vernichten, kommen und gehen. Aber die Literatur bleibt.“
Abschied von Jürgen Boos
Für Buchmessedirektor Jürgen Boos ist es die letzte Messe an der Spitze der Frankfurter Bücherschau. Bei der Eröffnung erhielt er langen Applaus. Der Börsenverein zeichnete ihn mit dem Heinrich-Perthes-Preis aus, der höchsten Auszeichnung des Verbands.
Die Frankfurter Buchmesse läuft bis Sonntag. Nach den Fachbesuchertagen am Mittwoch und Donnerstag wird sie ab Freitag für das allgemeine Publikum zugänglich. Erwartet werden mehr als 250.000 Besucherinnen und Besucher. Neben Neuerscheinungen, internationalen Begegnungen und dem Gastlandprogramm dürfte vor allem die Frage bleiben, wie die Buchbranche ihre Werke im Zeitalter generativer KI schützen und zugleich neue Technologien nutzen kann.